Logo Frizz Magazin Ulm „Erlebe deine Stadt“ Logo Frizz Magazin Ulm
Stellenanzeigen UlmSchneekoenigin on IceThrillerAdventskalender 2018Orgelmusik im Ulmer Münster

Im Sommerloch der Superstars


Auch der Herbst hat seine sonnigen Tage. Jetzt kann man endlich wieder die Ruhe am Baggersee genießen, ohne von allen Seiten aus immer lauter werdenden Handys von Deutschrap belästigt zu werden.

Kollegah, Fischfilet & Co. können einem sogar den Sonnenschein vermiesen. Dann geht man nach Hause und, man sollte ja nicht jeden Tag im Biergarten versumpfen, landet – auch wenn man Fernsehen im Sommer eigentlich vergessen kann – bei RTL Sendungen wie „Das Sommerhaus der Stars.“  Ich schaue so was ja ganz gerne. Auch wenn man diesmal wirklich niemand kannte, außer vielleicht Nacktmodel Micaela Schäfer und der nervigen Tochter von Roberto Blanco. Mit deutschen Promis ist das ja so eine Sache. Deutscher Hip-Hop, deutsches Fernsehen, deutsche Action-Filme. Das stimmt alles sehr nachdenklich. Und das betrifft nicht einmal nur die C bis Z-Promis im Sommerhaus. Auch unsere einheimischen sportlichen und kulturellen Leistungsträger finden immer weniger Anerkennung. Lothar Matthäus? Eine Witzfigur. Franz Beckenbauer? Ein gebrochener Mann. Boris Becker? Pleite. Dieter Bohlen? Indiskutabel. Ganz vorne im Sommer 2018 natürlich Jan Ullrich und sein Einbruch bei Nachbar Til Schweiger. Und natürlich die unvermeidliche Heidi Klum und ihr neuer Toy-Boy Tom Kaulitz von der fast vergessenen Teenieband „Tokio Hotel“...

Die Mallorca-Bande

Wie ticken sie denn, unsere deutschen Promis? Was macht man, wenn man nicht weiß, wohin mit seinem Geld? Wir fragen Experten: Wolfgang Joop und Til Schweiger. Für Schlagzeilen sorgte im August ein Sport, der sonst gar nicht im Fokus der Medien steht. Ein bizarrer Alkohol- und Sexskandal erschütterte ausgerechnet das elitäre deutsche Springreiten. Der SPIEGEL berichtet von rituellen Trinkgelagen, Gewalt und organisierter sexueller Nötigung in einem Umfeld von Arroganz und reichen Schnöseln, die Strichlisten führen, wie viel „naive Dummchen“ sie flachgelegt haben. Springreiten ist ein teurer Sport für wenige. Pferde, Anhänger, Pfleger und so weiter können sich nur die Superreichen leisten. Trotzdem wird es, da medaillenträchtig, ähnlich wie Bobfahren, mit Millionenbeträgen von der Sporthilfe, also vom Steuerzahler unterstützt. Beim Springreiten trifft man dann auch die Töchter von Bill Gates, Steve Jobs, Bruce Springsteen oder Karl Theodor von und zu Guttenberg. Freiwillig würden Pferde allerdings nie über die Hindernisse springen.

Am Donauwehr in Thalfingen kann man ab und zu beobachten, wie Pferdetrainer mühselig daran arbeiten, Pferde über die - immerhin vier Meter breite – Brücke zu bewegen. Die Pferde haben offensichtlich Angst vor dem Übergang. Um sie nun dazu zu bringen, über mannshohe Barrieren zu springen und die Beine anzuwinkeln, helfen Springreiter, wie wir spätestens seit Paul Schockemöhle wissen, mit umstrittenen Methoden nach. Mit „Barren“ und „Blistern“ – dem Pferd werden durch Stockschläge oder den Einsatz chemischer Substanzen Schmerzen zugefügt und es so in eine Art künstliche Panik versetzt, um die Sprungkraft zu verbessern. Ein schrecklicher Sport. Auch die Tochter von Till Schweiger gilt als talentierte Springreiterin, je nachdem was man in der Familie Schweiger eben so unter Talent versteht. Das schauspielerische Talent von Til jedenfalls reicht immerhin für eine Finca auf Mallorca. In die ist bekanntlich Nachbar Jan Ullrich eingebrochen, nach einem Streit mit Schweiger um ein Escort-Girl, so behauptete es jedenfalls die BUNTE. Das kann ja nun mal vorkommen. Vor nicht allzu langer Zeit wollte er ja einmal ein Luxus-Flüchtlingsheim bauen, nun zeigt sich Gutmensch Schweiger von seiner edelsten Seite. Er will seinem unglücklichen Nachbarn helfen, von dessen Drogenproblematik wegzukommen, und wie könnte man das besser machen, als intimste Details der BILD-Zeitung zu erzählen. Ich kenne Til Schweiger nur aus der Lindenstrasse und vom „Bewegten Mann“ – man müsste mich schon barren und blistern, dass ich mir „Keinohrhasen“ oder seine albernen Cobra 11-Tatorte anschaue. Als anerkannt guter Schauspieler gilt in Deutschland der Österreicher Christoph Waltz, der als „Roy Black“ bei RTL und Tatort-Bösewicht bekannt wurde. Der darf nun öfters in Hollywood einen Nazi spielen und bekam dafür sogar einen Oscar. Das hat Klaus Kinski meines Wissens nie geschafft. Kinski ist Kult bei Cineasten und es gibt nicht wenige, die ihn für einen guten Schauspieler halten. Dabei hat Kinski immer nur sich selbst gespielt, also einen mehr oder wenig verrückten Choleriker. Kürzlich lief ein alter Italo-Western mit Klaus Kinski als mexikanischem Bandit. Allerdings sah man auf dem Bildschirm keinen mexikanischen Banditen sondern Klaus Kinski mit einem Sombrero auf dem Kopf, der in einen Saloon stürmt und brüllt, er werde jetzt alle abknallen. Das ist nicht einmal Bauerntheater. Ohne seine bescheuerten Talk-Show-Auftritte würde sich kein Mensch mehr an Kinski erinnern. Vielleicht gibt es überhaupt keine guten deutschen Schauspieler. Außer Sascha Hehn. Der hat seinen Job als Traumschiff-Kapitän gekündigt, weil ihm die Drehbücher zu dämlich sind. Das fällt ihm aber reichlich früh auf.

Bauerntheater

Es gibt übrigens auch keine deutschen Rockstars. Das Leben der allermeisten Popstars ist keineswegs so glamourös, wie man es sich gerne vorstellt. Max Goldt schrieb einmal über ein Stadtfest in Gütersloh, wo sich die Girlband „No Angels“ – damals im Herbst ihrer Karriere – vergeblich um die Aufmerksamkeit eines völlig desinteressierten Publikums bemühte, was ihn dazu brachte, den Sinn der Redewendung „gefeiert wie ein Popstar“ zu hinterfragen. John Watts, Sänger der Anfang der 80er sehr angesagten New Wave Band „Fischer Z“, mühte sich vor einigen Jahren vor nicht einmal 40 Zuschauern bei einem Festival auf der Alb ab. Kein schöner Anblick. Wie sehr sich das Show-Business verändert hat, konnte man im Juli auf ARTE sehen. „Nach dem Monsun“ hieß ein Film über die Band “Tokio Hotel“, die beklemmende Einblicke in die Szene erlaubte. Die Zwillinge Bill und Tom Kaulitz leben inzwischen in Los Angeles. Früher zog es deutsche Topstars nicht nach Mallorca, sondern nach Amerika. Ute Lemper, Howard Carpendale, Barbara Becker (früher die Frau von Boris, jetzt die Frau mit dem Geld von Boris), Thomas Gottschalk oder Jürgen Klinsmann, alle waren sie auf der Flucht vor allzu großer Popularität. So wie die Kaulitz Brüder. Tokio Hotel waren vor 10 Jahren fast Weltstars, mittlerweile aber verkaufen sie kaum noch Platten. Um das zu kompensieren und ihren kostenintensiven Lebensstil zu finanzieren haben sie andere Geschäftsmodelle entwickelt. Sie veranstalten Konzerte als Events, mit Zeltlagern und speziellen „Meet & Greet“ Upgrade-Tickets für 3000 Euro. Hier dürfen die treuesten Fans, fast ausschließlich Frauen, ihre Idole hautnah bei „Selfie-Sessions“ erleben. Bill Kaulitz, dessen Gesicht bei diesen Treffen Bände spricht, rechtfertigt sich lakonisch, das sei eben „Business“ – da müsse man durch. Wie verhasst Tokio Hotel beim Rest der Welt sind, wurde mir neulich in einer Kneipe klar. Zufällig hatte die Barkeeperin auch die Doku gesehen und ließ einen - wohl aktuellen - Titel dieser Gruppe laufen. Die Reaktion der anderen Gäste schwankte von Irritation bis offener Aggression. Ich kenne eigentlich nur „Durch den Monsun“. Dabei ist die Musik von Tokio Hotel weder besonders schlimm, noch wirklich gut. Irgendwie beliebig, wie alles heutzutage, aber lang nicht so furchtbar wie Radio-Unrat à la Ed Sheeran. Ich hasse ja eher die Scorpions. Für ihre Pädo-Plattencover, ihre sexistischen Texte und ihre Dauerwellen. Im Netz kann man ein Video von ihrem Auftritt auf dem Münsterplatz anschauen. Dabei singt Klaus Meine wie ein angeschossenes Wildschwein „Still loving you“ und trifft nicht einen Ton. Gut das sie schon 2009 den Echo fürs Lebenswerk bekommen haben. Der Echo ist ja nun auch Geschichte. Die denkwürdige Show im Frühjahr war nicht nur wegen des herrlich geisteskranken Auftritts von Kollegah ein apokalyptischer Abgesang auf die deutsche Popkultur. Besonders tragisch war, als am Ende Klaus Voormann, eine Legende, die mit den Beatles zusammenarbeitete und „Trio“ produzierte, zwischen all den Flitzpiepen gar nicht mehr wusste, wie ihm dort geschieht.

Auch die „Tokio Hotel“ Doku zeigt viele traurige Momente hinter den glitzernden Fassaden. Richtig zufrieden wirken eigentlich nur die zwei anderen Bandmitglieder, die immer noch in Magdeburg wohnen. Die Kaulitz-Brüder fröhnen dem gepflegten Jet-Set in Kalifornien. Und zumindest Bill sieht wirklich aus wie ein Star. Es gibt nicht viele Männer, die in der Wüste mit Pelzmantel und goldenen Schuhen eine gute Figur machen. In der Reihe „Durch die Nacht mit...“ zog vor Jahren einmal Bill Kaulitz mit Wolfgang Joop durch Paris.

Durch die Nacht mit Bill & Wolfgang

Ein TV-Kritiker bemerkte seinerzeit, das Problem von Bill Kaulitz sei, er sieht aus wie ein Außerirdischer, aber sein Wesen kann um Lichtjahre nicht mit seinem Äußeren mithalten. Sie stehen auf dem Eiffelturm und Joop wähnt sich in einem „Film Noir“: „Ich bin Romy Schneider und du Alain Delon.“ Kaulitz versteht nur Bahnhof. Joop redet ohne Punkt und Komma, meistens über sich. Kaulitz reagiert nur: „Oh ja, das liebe ich auch total, ich liebe Mode, awesome, ich liebe diese Hunde, oh my good, ich liebe New York, ich liebe David Bowie.“ Darauf Joop: „Bowie selbst habe ich leider nie getroffen, aber mit seiner Frau Iman viele Modeschauen gemacht. In den 90ern hatte sie ja in New York diesen schrecklichen Autounfall mit einem Taxi. Sie hat das Taxiunternehmen verklagt und bekam 5 Millionen Dollar – das war damals richtig viel (!) Geld – und hat sich erst mal ihre Titten machen lassen.“ So ist das in dieser Welt. Sie reden immer über Kunst und Kreativität, am Ende geht es meistens ums Geld. Oder um Sex. Tom Kaulitz, inzwischen mit Heidi Klum zusammen, erzählt über die Beziehung zu seinem Bruder, sie hätten schon alles, was man in einer Beziehung suche. Er selbst bräuchte „eigentlich nur noch jemand für den sexuellen Part“. Bill wiederum drückt sich offensichtlich vor einem Outing, was man ihm nicht verdenken kann und meint, er hätte eben noch keine „richtige Person“ gefunden. Wer sollte bei so einem auch mithalten können. Es erinnert ein wenig an Ludwig II. oder Michael Jackson. Der Märchenkönig hatte als junger Mann zahlreiche schwärmerische Freundschaften. Manchmal schrieb er fünf Liebesbriefe am Tag, aber wehe einer wurde nicht beantwortet, dann war es ganz schnell aus mit der Romantik. Auch Ludwig und Michael Jackson wurden sehr jung berühmt. Beide galten als herausragend schöne Männer, wie Bilder von der Thronbesteigung Ludwigs bzw. vom „Thriller“ Album belegen. Doch das währte nicht lange. Schon mit Mitte Dreißig war Ludwig fett geworden, Jackson von Operationen verunstaltet und beide wurden immer schrulliger. Es folgten finanzielle Probleme und Gerüchte. Von jungen Reitersoldaten in Neuschwanstein hier und kleinen Jungs in Neverland da. Bis irgendwann die Polizei vor der Türe stand. So weit ist es bei Bill Kaulitz natürlich nicht, aber man ahnt, dass das im Alter möglicherweise nicht gut ausgeht. Das Boulevard ist inzwischen voll von Fotos von Bill, wie er traurig allein in einem Cafe in LA sitzt, während sein Bruder Tom rund um die Welt mit Heidi Klum turtelt. Ich hatte eine makabre Vision. Was wäre wenn Bill aus Eifersucht Heidi Klum ermorden würde? Das wäre doch eine Hammer-Drama-Schlagzeile. Doch erstens kommt es anders und zweitens manchmal noch schlimmer. Stattdessen springt Daniel Küblböck an der Titanic-Unglückstelle in den Atlantik. Den hatte man auch nicht wirklich mehr auf dem Schirm. Selten war bei einem vergleichbaren Unglück soviel Häme zu vermelden, allen voran von seinem „Mentor“ Dieter Bohlen, der bei einer Videobotschaft einen Pulli trug, auf dem stand: „Be one with the ocean!“ Dabei wimmelt es in dieser ganzen Medienwelt von armen Tröpfen, von „Superstars“, „Supertalenten“ und „Voices of Germany“, denen eingeredet wird, sie könnten singen oder seien beliebt, was ja nie stimmt. Es war zu lesen, Küblböck hätte eine Karriere als Jazz-Sänger und seriöser Schauspieler angestrebt, was bei diesem verbrannten Image natürlich ein Ding der Unmöglichkeit war.

Vor zweitausend Jahren sehnte sich der mächtigste Mann der Welt, der römische Kaiser Nero, nach Anerkennung als Künstler. Er erntete nur Spott und Häme. Doch er ließ seine Kritiker und jeden, der seine Performance zu früh verließ, entweder auspeitschen oder hinrichten. Das können die Bands bei der Kulturnacht bedauerlicherweise nicht. Ein römischer Philosoph bemerkte schon damals: „Es gibt keine Kunst. Es gibt leider nur Künstler.“ Ob er damit wohl Kollegah und Feine Sahne Fischfilet meinte?


(wl)