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Thomas Hanstein - Vom Seelsorger zum Coach




Coach Dr. Thomas HansteinDr. theol. Thomas Hanstein kam 2010 in den Kirchendienst. Er war als persönlicher Bischofsreferent und in der Seelsorge tätig sowie mit Leitungsaufgaben betraut und kennt den Kirchenbetrieb aus der Innenperspektive. Seit 2013 war er nebenberuflich in der Seelsorgeeinheit Erbach eingesetzt, vor zwei Jahren ließ er sich vom Seelsorgeauftrag freistellen. Thomas Hanstein hat seine Erfahrung in der Begleitung von Menschen und Teams seitdem auf die Bereiche Personal- und Business-Coaching verlagert. In diesem Herbst hat er das Sachbuch, „Von Hirten und Schafen“ publiziert, das sich mit dem Missbrauch in der katholischen Kirche befasst. Wir haben uns für die Hintergründe interessiert.


FRIZZ: Genau in dem Jahr, als die Missbrauchsfälle öffentlich wurden, ließ sich so ein kritischer Geist wie Sie zum Diakon ordinieren, warum?
Thomas Hanstein: Ich war vom Idealismus getragen, dass man auch als Teil des Systems etwas verändern kann. Das war auch der Grund, auf die Stellenanfrage in die Kirchenleitung zuzusagen. Das Thema Missbrauch war ja schon älter: Der Anlass für die Gründung des Kirchenvolksbegehrens 1995 zum Beispiel waren schwere Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs, damals in Wien. Hätten die Kirchenleitungen die damaligen Reformvorschläge ernst genommen, wäre das Ausmaß heute nicht so groß. Dann kam 2010 der Brief von Klaus Mertens, Rektor am Canisius-Kolleg, an ehemalige Schüler aus den 70er und 80er Jahren. Mit diesem und durch den Mut der Betroffenen wurde das Thema aufgerollt.

FRIZZ: Acht Jahre später haben Sie sich von Ihrem Kirchenamt, Diakon im Zivilberuf, auf eigenen Wunsch freistellen lassen. War es nicht mehr auszuhalten, den Missbrauchsopfern in die Augen zu schauen und gleichzeitig Teil des Systems zu sein?
Thomas Hanstein: Ja, so habe ich es neulich in einem Interview gesagt. Ich habe eine Auszeit von der Amtskirche und auch von der Seelsorge gebraucht. Mich belastet dieses Thema seit 2010. Und mit jedem Gespräch mit Opfern und Betroffenen habe ich gemerkt: Es geht nicht mehr, so lange die Amtskirche nicht an die Ursachen geht. Zuerst war ein Sabbatical geplant, dann habe ich aber drei Jahre beantragt und auch bekommen. Das Thema war solch eine Eruption, dass es in der Kirche einiges in Gang gebracht hat, aber nur unter der Frage: Wie reagieren wir auf den Missbrauch? Die eigentliche Frage, warum es gerade auch in der katholischen Kirche so viel Missbrauch gibt, wird bis heute doch noch gar nicht gestellt. Mit anderen Worten: Statt nach außen zu regieren, müsste man nun auch langsam mal nach innen tätig werden.

FRIZZ: Sie stellen diese Frage nach dem Warum in Ihrem neuesten Buch?
Thomas Hanstein: Ja, denn ich habe in Gesprächen bemerkt, dass die bisherigen kirchlichen Reaktionen auf das Thema den Missbrauchsopfern nicht genügen – und mir als Theologe übrigens auch nicht. Ich versuche in Richtung möglicher Antworten zu denken, und damit Systemanalyse und letztlich – so man will, da habe ich meine Zweifel – Systemkorrektur anzuregen. Denn ich bin davon überzeugt: Missbrauch ist weder einfach „passiert“ noch kommt Missbrauch „leider auch“ in der Kirche vor.

FRIZZ: Viele hätten nicht für möglich gehalten, dass im Umfeld der Kirche solch ein schreckliches Ausmaß an sexuellem Missbrauch zu Tage kommt. Ist vielleicht gerade das System katholische Kirche ein guter Nährboden für solche Gewalttaten?
Thomas Hanstein: Im System katholische Kirche gibt es ganz spezifische Bedingungsfaktoren für Übergriffigkeit, nicht nur im Bereich der sexualisierten Gewalt. Diesen müsste man offen und ehrlich auf den Zahn fühlen, sonst bleibt auch die beste Prävention nur an der Oberfläche. Immer dann aber, wenn gesagt wird, dass es Missbrauch auch hier und dort gibt, lenkt man von den ganz eigenen Bedingungsfaktoren ab. Es ist schlimm, dass es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Dass es Missbrauch so gehäuft auch in Sportvereinen und auch in Familien gibt, aber so einfach darf es sich die Kirche nicht machen. Der sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche ist immer auch verbunden mit einem Missbrauch von religiös legitimierter Macht und damit mit dem Missbrauch von Religiosität. Die katholische Kirche erhebt entsprechend ihres Lehrgebäudes den Anspruch, dass ihr sogenanntes „Sittengesetz“ einen universellen gesellschaftlichen Geltungsbereich hat. Aber wenn sich ein System moralisch derart überlegen fühlt, muss es sich auch an den eigenen moralischen Standards messen lassen. Insofern ist dieses Thema bei der Kirche natürlich auch gravierender. Jeden Verweis auf andere gesellschaftliche Felder bezeichne ich daher als unredliche Ablenkung. Hinzu kommt, dass die religiöse Entwicklung in der Kindheit ein ganz sensibles Thema ist. Wenn ein „Vertreter Gottes“ ein Kind missbraucht, hat das auch Auswirkungen auf das Urvertrauen dieses Menschen, sein Gottesbild und seine – so diese noch möglich ist – Gottesbeziehung. Aus Gesprächen mit Betroffenen heraus kann ich sagen, dass diese Traumata oft im Alter wiederkommen. Gerade dann, wenn ich eigentlich einen inneren Halt brauche, um Krankheiten und letztlich auch dem Tod gelassen entgegensehen zu können. Darin liegt das lebenslange Drama dieser Verbrechen, dass sie die Menschen bis zum Ende begleiten, täglich. Und was noch schlimmer ist, nachts in ihren Träumen. Therapien sind da nur Unterstützungssysteme. Das heißt: Die katholische Amtskirche hat mit diesen Taten und mit der systemischen Vertuschung ihren ureigenen Markenkern selbst konterkariert.

FRIZZ: Können Sie systemische Bedingungen nennen, die Missbrauch und auch dessen Vertuschung erleichtert haben?
Thomas Hanstein: Von renommierten Experten wurde mir rückgemeldet, dass die Besonderheit meines Buches der parallele systemische Blick auf verschiedene Phänomene sei, die bislang getrennt behandelt wurden. Eine bekannte Fachjournalistin schrieb mir gar, dass es „das Beste“ sei, was sie „aktuell zum Thema sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche gelesen“ habe. Insofern müsste man auch parallel ansetzen. Wichtige Ansatzpunkte wären aus meiner Sicht: die Kirche als geschlossenes, gleichzeitig aber vom Staat privilegiertes System; die Logiken einer dem Prinzip nach absolutistischen Monarchie; das katholische Menschenbild als defizitäres, mit Verdrängungstendenzen; die Rolle des Amtes und der Zusammenhang von Amt und, unabhängig von der Kompetenz, Leitungsvollmacht; die kirchliche Sprache, somatische Muster in der Liturgie und Pastoral; das Verhältnis von Lehramt, Kirchenrecht und Theologie … um nur die wichtigsten anzudeuten.

FRIZZ: Ist der Zölibat auch Teil des Problems?
Thomas Hanstein: Alles, was unfreiwillig geschieht, kann nicht gut sein. Die Sexualmoral der katholischen Kirche lädt zur Doppelmoral ein. Und da beginnt das Problem. Interessant ist, dass im Katechismus der katholischen Kirche ausgerechnet der Zölibat als Mittel genannt wird, die Doppelmoral zu verhindern. Doch jeder im Kirchendienst kennt auch Priester, die den Zölibat nicht leben. Dieses Faktum widerlegt bereits die Theorie. Doch das Hauptproblem sind Priester, die mit einer ungeklärten oder unreifen Sexualität in ihr Amt kommen. Offiziell haben sie dieses Thema „abzuklemmen“, es hat keine Bedeutung. Und persönlich kämpfen sie dagegen an – und irgendwann eben nicht mehr. Kirchengeschichtlich gehört die Ehelosigkeit ins Kloster. Die Amtskirche hat vor 1000 Jahren dieses Leben des Mönches auf das Leben des gemeinen Weltgeistlichen übertragen. Um Macht auszuüben und Einfluss zu bewahren. Denn: Wem man eines seiner tiefsten Grundbedürfnisse nehmen kann, über den hat man Macht.

FRIZZ: Sie sehen einen Grund im katholischen Menschenbild. Wie würden Sie dies beschreiben?
Thomas Hanstein: Das Menschenbild der katholischen Kirche ist kein humanistisches. Hier wäre der Mensch von sich aus gut. Störungen des Gutseins werden in Umwelteinflüssen begriffen: Neid, der durch Unrecht im Kollegium aufkommt, zum Beispiel. Also müsste man auch dort nachkorrigieren. Nach katholischer Lehre aber ist der Mensch immer mit einem Fuß in der „Hölle“. Er trägt eine „Erbschuld“ in sich und aufgrund dieser neigt er immer wieder zur Sünde. Es ist ein Riesenunterschied, ob ich an äußeren Bedingungen ansetze, oder wenn ich einem Kind sage: Das Böse steckt in dir. Doch wenn ich immer wieder zur Sünde neige, kann ich mich daran auch gewöhnen. Dann brauche ich die Sünden nur noch zu qualifizieren, dann gibt es größere und kleinere. Und letztlich die Beichte, und alles wird gut. Am Beispiel des Umgangs mit Sexualität sieht man: Das „Problem“ wird nach außen verlagert, systemisch verdrängt und dem „Urheber des Bösen“ in die Schuhe geschoben. Papst Franziskus höchstpersönlich sprach vom „Satan“ als dem, der dafür im Letzten die Schuld trägt. Spätestens ab diesem Moment ist kein Mensch mehr dafür verantwortlich. Die theologische Tragödie davon ist, dass die Theorie des Lehrgebäudes diese Verdrängungsmechanismen massiv befördert.

FRIZZ: Was müsste, Ihrer Meinung nach, getan werden, um die Kirche von Grund auf zu sanieren?
Thomas Hanstein: Vieles von dem, was ich hier angedeutet habe, wissen katholische Christen kaum noch. Und auch die Bistümer, die sich durch ihre PR besonders modern geben, betonen diese Eckpunkte natürlich auch nicht. Aber sie sind da, sie bilden den kulturell-genetischen Code dieser Kirche – und sie sind sehr wirkmächtig, ähnlich wie das Unbewusste beim Menschen. Indem diese kritischen Punkte nicht benannt, sondern überspielt werden, geschieht wieder dasselbe Muster: Verdrängung. Ich betone in meinem Buch die Rolle der Theologen – die jedoch in einer absoluten Monarchie kaum Bedeutung haben. Sie könnten ein wichtiges Korrektiv sein, denn Kritik zu äußern, bewirkt noch heute in der Amtskirche nur zwei Reaktionen: Ignoranz oder Abwehr. Jeder gute Unternehmensberater weiß aber, dass es gerade die kritischen Geister sind, die in schwierigen Zeiten wichtige Impulse setzen können, weil sie es sich erlauben, von der Seite drauf zu schauen. Kritik bedeutet dem griechischen Wortsinn nach, die Fähigkeit zur Analyse zwischen gut und weniger gut. „Eine gnadenlose Analyse des Zustands unserer Kirche“, hat mir zum Beispiel ein anderer Theologe geschrieben. Mein Buch ist aber nur eines. Stellen Sie sich vor, man würde alle kritischen Stimmen bündeln und darin ein Kapital sehen. Stattdessen arbeitet man die Thematik formal als Behörde ab. Aus Angst, dass das Kartenhaus zusammenbrechen könnte. Angst aber bewirkt immer Enge, das steckt schon im (lateinischen) Wort.

FRIZZ: Für wie revolutionär halten Sie die Vorschläge der Bischöfe an den Papst, ständige Diakone zu Priestern zu weihen? Wäre das auch ein Weg für Deutschland? Oder auch für Sie?
Thomas Hanstein: Ehrlich? Überhaupt nicht. Erstens ging es bei der Amazonassynode um ein ganz anderes Thema und zweitens wurden diese Vorschläge auch für den Bereich des Amazonas gemacht. Und ich sehe da noch ein anderes Problem: Mit der Wiedereinführung des ständigen Diakons in den 60er Jahren hat sich die katholische Kirche wieder ihrer biblischen Grundlagen besonnen. Denn es gab von Anfang an Diakone in der Urkirche. Und indem man sie ins Amt nimmt, bedeutet die Aussage: Der Sozialdienst, die Arbeit auf der Straße, an den Rändern der Gesellschaft ist genauso wichtig wie die am Altar. Ich sehe die Gefahr, dass diese wichtige Aussage aufgrund des Priestermangels übergangen wird. Und noch eins war damals revolutionär: Indem Diakone zu Geistlichen werden, schließen sich kirchliches Amt und Sexualität nicht aus. Hieran könnte man, als Modell auch Priester, anknüpfen. Wenn aber der einzige Grund der Priestermangel ist, ist es wieder nur versteckte Priesterzentrierung, geht es wieder nur um Kult.

FRIZZ: Also kein Weg für Deutschland und für Sie?
Thomas Hanstein: Was mich betrifft, ich war nicht auf diesem Weg. Ich habe als bereits Verheirateter ein Studium aufgesetzt, weil mich Philosophie und Theologie interessiert haben. Meine berufliche Herkunft war die freie Wirtschaft. Wenn man diesen Weg auch in Deutschland einschlagen sollte, wäre es wichtig, dass es auch Diakone gibt, die sich dem eigenen Profil des Diakons weiterhin verpflichtet fühlen, und nicht der Verlockung eines vermeintlich höheren Amtes erliegen.

FRIZZ: „Buch ist beeindruckend“ oder „Finger in die Wunde“ – um ein paar Stimmen über Ihr Werk „Von Hirten und Schafen“ unmittelbar nach der Veröffentlichung zu nennen. Ende Oktober wurden Sie vom Deutschlandfunk interviewt. Wie waren die Reaktionen auf diese Sendung?
Thomas Hanstein: Da kann ich das Wort nur aufgreifen: Beeindruckend. Ich habe etliche E-Mails bekommen. Menschen, die mich bislang nicht kennen, meine E-Mail-Adresse im Netz googeln und mir offen ihre Geschichte mit der Kirche schreiben. Betroffene, kirchliche Mitarbeiter, Leidende, Verzweifelte, Frustrierte, aber auch Hoffende. Ich habe so interessante Menschen und Geschichten kennengelernt. Ein Aha-Effekt war der: Ich gehe auf Abstand von der Amtskirche und komme ganz intensiv zur Seelsorge zurück. Denn die Gespräche, die sich danach ergaben, waren nichts anderes, denn die Einzelseelsorge war mein Schwerpunkt auch als Diakon. Man hat mir zum Beispiel bestätigt, dass ich „vielen aus der Seele“ spreche. Manche bitten auch lieber um die Telefonnummer, das war interessant. Ich habe Verständnis dafür, aber es zeigt auch: Bei vielen in der Kirche herrscht Angst. Kirchliche Mitarbeiter haben es verlernt, kritisch ihre Meinung einzubringen, sie ist nicht willkommen. Das Thema Missbrauch hat eine Verkrampfung im System ausgelöst, dass - wie mir berichtet wurde - kirchliche Vorgesetzte zum Beispiel auch verbieten würden, Fragen zu stellen. Das heißt aber, die Mitarbeiter werden nicht mitgenommen. Man gibt ihnen Krisenanweisungen im Feuerwehrmodus, und gut. Was natürlich höchst problematisch ist, die verdrängten, nicht zugelassenen Energien kommen halt später wieder hoch. Hier halte ich es, auch im Veränderungscoaching, ganz mit Herrmann Hesse: „Es kommt alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ist“, wie er in „Siddhartha“ schrieb. Das ist eine tiefe Weisheit.

FRIZZ: Sie arbeiten sehr erfolgreich als Coach. Wie kamen Sie zum Coaching?
Thomas Hanstein: Das lief wie von selbst. Zum einen habe ich Coachingseminare an der Führungsakademie Karlsruhe in Vorbereitung auf eine Schulleiterstelle besucht. Die haben mich so gepackt, dass ich später, als ich nach einer Umstrukturierung und dem Ende meiner Leitungsstelle wieder mehr Zeit hatte, darauf ein Kontaktstudium zum Business-Coach aufgesattelt habe. Systemisch-lösungsorientiertes Coaching hat ein anderes Menschenbild als die Seelsorge. Es war eine riesige Bereicherung, zusätzlich aus einer zweiten Perspektive seelsorgliche Gespräche anzugehen. Der zweite Schritt war, dies theoretisch zu verarbeiten, daraus ist 2017 mein Buch „Coaching in der Seelsorge“ entstanden. Dann habe ich mir selbst ein Coaching gegönnt und gemerkt: Ich kann nicht so einfach in der katholischen Kirche als Seelsorger weitermachen. Gleichzeitig standen aber noch Anfragen zu Gesprächen im Kalender. Ich habe diese also weitergeführt, aber noch ohne Honorar. Es war eine Übergangszeit. Noch heute gibt es eine Hand voll Leute, die mich aus den Kontakten in der Seelsorge anfragen. Um Coaching aber professionell aufzuziehen, war es dann aber auch gut, dass der Auftrag als Seelsorger bereits geruht hat. Das hat sich zeitlich gut gefügt.

FRIZZ: Gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Coaching und der Seelsorge?
Thomas Hanstein: Nehmen wir das Thema Veränderung. Das kommt in Einzelgesprächen in der Seelsorge ebenso vor, besonders auch bei Paaren. Ich habe es auf Teams übertragen, weil die Muster und Dynamiken nicht so anders sind. Bleiben wir beim Thema Missbrauch und dem, was es ausgelöst hat: Da gibt es eine sehr bekannte „Change-Kurve“, die für Veränderungsprozesse jeder Art verwendet wird. Sie gleicht einer Fieberkurve, und entsprechend gibt es eine Phase, die nach unten zieht, in die „systemische Depression“. Die Amtskirche hat hier aus meiner Sicht denselben Fehler gemacht, wie er in Firmen begangen wird: Es herrscht Betroffenheit, Entsetzen, Unsicherheit, kurzum ein emotionales Geflecht. Das bewirkt zusätzlich Angst in der Führungsetage. Und so setzt man sich Ziele, legt Maßnahmen fest – hier übrigens sehr medienwirksam, das hat die Kirche in der Krise durchaus gelernt – und peitscht sie durch. Verbunden wird das Ganze mit Denk- und Kritikverboten, stattdessen wird das Wir-Gefühl beschworen. Dabei war das ja letztlich auch ein Puzzleteil beim Thema Vertuschung.

FRIZZ: Was wäre aus der Perspektive des systemischen Coachings stattdessen nötig gewesen?
Thomas Hanstein: Sie haben nur eine Chance, wenn der Prozess nachhaltig sein soll: Betroffenheit, Enttäuschung, Wut und auch Zorn, alles darf sein. Alles ist normal. Und: „Alles muss raus“, wie es Norbert Denef einmal gesagt hat. Ansonsten können die Mitarbeiter da nicht mitgehen. Und nach außen wird ein anderes Bild transportiert als es innen herrscht. Der Missbrauch war ja auch Symptom der Dysfunktionalität des Systems. Also gibt man sich funktional, handlungsfähig. Doch das trägt nicht, das hat schon bei Adenauers „Vergangenheitsbewältigung“ nicht funktioniert. Der Ball kommt wieder hoch. So baut man nur neue Kartenhäuser. Und bestätigt, was ich ja auch kritisiert habe: Der Hang, seine eigene Wahrheit zur Schau zu stellen. Die Wahrheit der Betroffenen und der Opfer, der schweigenden Mitarbeiter, auch der Kritiker … all dies gehört ebenso dazu. So wäre vielleicht der Anfang einer Bewältigung möglich. Aber, wie gesagt, ich bin skeptisch, ob man das wirklich will. Vom Coaching gedacht: Musteränderung wäre das Gebot der Stunde. Erst, wenn man als Mensch und als System ganz aus alten Mustern herausgefunden hat, sind neue möglich. Solange die systemischen Muster, die den Missbrauch von Macht begünstigen, nicht analysiert und verlassen sind, besteht nach wie vor diese Gefahr. Und neben der sexualisierten Form gibt es noch andere Möglichkeiten. Überall, wo es Abhängigkeiten von Amtsträgern gibt.

FRIZZ: Norbert Denef war das erste von der katholischen Kirche offiziell anerkannte Opfer des sexuellen Missbrauchs. Er gilt als das „berühmteste Missbrauchsopfer Deutschlands“. Wie erleben Sie ihn heute?
Thomas Hanstein: Er hat das Vorwort geschrieben. Auf der Suche nach alternativen Haltungen im Umgang mit dem Thema Missbrauch bin ich wieder auf Norbert Denef gestoßen. Neben seiner eigenen Geschichte weiß Denef Tausende andere zu erzählen, von denen er als Vorsitzender von „NetzwerkB“ Kenntnis erhalten hat. Jede einzelne würde die Macht besitzen, einen Menschen in die Niedergeschlagenheit zu zwängen. Jeder missbrauchte Mensch hat seine eigene Überlebensstrategie entwickelt. Die von Norbert Denef habe ich als besonders beeindruckend erlebt. Nach einer jahrzehntelangen Odyssee hat er den „denefhoop“ entwickelt. In diesem Reifen steckt nicht nur viel Energie, er ist ein Symbol dafür, was ich unter Musteränderung verstehe. Denef hat sich sozusagen freigetanzt, sein Reifen war ihm ein verlässlicher Coach und Seelsorger dabei. Anstatt hasserfüllt zurück zu schauen, kann er so denen, die für Ungerechtigkeit verantwortlich sind, einen „Akt der Versöhnung“ anbieten. Sein Leidens- und Lebensweg ist ein Beispiel dafür, dass Ressourcen verschüttet werden können, dass wir Menschen den Zugang dazu aber auch wiederfinden können. Und dann, umso stärker und freier werden. Ich finde es beachtlich, wenn ein Missbrauchsopfer so weit ist, dass er Kirchenoberen Versöhnung anbieten kann. Denn er tut ja das, was der eigentliche Auftrag der Kirche wäre.

FRIZZ: Haben Sie ihm Ihr Buch gewidmet?
Thomas Hanstein: Ich habe „Von Hirten und Schafen“ allen Betroffenen von sexueller Gewalt, religiösem Missbrauch und jeder Form von Übergriffigkeit in der katholischen Kirche gewidmet. In dieser Formulierung wird deutlich, wie breit ich dieses Problem sehe. Die sexualisierte Form ist - in Anführungsstrichen - nur die Spitze des Eisberges. Norbert Denef will eine Stiftung gründen, um das Schweigen zu brechen. In diese sollen 30% meines Autorengewinns aus der 1. Auflage fließen.

FRIZZ: Mit welchen Anliegen kommen Klienten zu Ihnen ins Coaching? Und haben Sie eine Philosophie?
Thomas Hanstein: Meine Philosophie lautet: Je intensiver man in Kontakt zu seinem inneren Team getreten ist und die individuellen Grundhaltungen kennengelernt hat, umso authentischer können im beruflichen und im privaten Bereich Ziele formuliert und Lösungen entwickelt werden. Ich setze an den Erkenntnissen von Schulz von Thun und Timothy Gallway zum „inneren Team“ bzw. „inneren Spiel“ an. Die Anliegen sind sehr verschieden: persönliche und berufliche Veränderungen, Führungscoaching, Onboarding, Teamentwicklung. Nach einem Erstgespräch entwickle ich ein maßgeschneidertes Programm. Mein Motto lautet: „Den Stein ins Rollen bringen“.

FRIZZ: Wie läuft eine Sitzung bei Ihnen in der Regel ab?
Thomas Hanstein: Wir gehen vom Anliegen über die Veränderung von Mustern zu Zielen und von diesen zurück zu ersten Schritten. Der Ansatz der „Karlsruher Schule“ lautet: Ohne Musteränderung keine Ziele, die authentisch und nachhaltig sind. Die Musteränderung läuft über Tools und Körperarbeit, das habe ich in meinem letztjährigen Buch „Selbstmanagement – mit Coachingtools“ beschrieben und visualisiert.

FRIZZ: Weihnachten vor zwei Jahren haben Sie sich aus der Seelsorge verabschiedet. Ihre Gottesdienste und Trauungen waren immer sehr beliebt. Wann kann man in Erbach wieder mit Ihnen rechnen?
Thomas Hanstein: Formal habe ich noch ein Jahr. Aber ehrlich: Ich kann es noch nicht sagen. Sobald ich glaubhaft den Willen zur Veränderung bei der Amtskirche sehen würde, wäre es keine Frage mehr. Doch so lange? Schauen wir mal...


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