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Stadtgespräch mit Tanja Leuthe




Tanja Leuthe in UlmTanja Leuthe ist in Ulm geboren und zur Schule gegangen. Sie kennt die Stadt und ihre Menschen. In Freiburg studierte sie Neuere deutsche Literatur und Kunstgeschichte – „ein absolutes Neigungsstudium“. Dem Studium folgte ein Praktikum im Literaturhaus in München. Neun Jahre arbeitete sie als Programmreferentin in der Internationalen Jugendbibliothek der bayrischen Landeshauptstadt. Seit März ist sie die neue Fachbereichsleiterin Kultur und Gestalten der Volkshochschule in Ulm.


FRIZZ: Sie lebten einige Jahre in München. Hatten sie genug von der Großstadt oder war es die Stellenanzeige, die sie reizte?

Tanja Leuthe: Ich mag München sehr gern, aber die Stelle war einfach zu reizvoll um mich nicht zu bewerben. Zumal ich in Ulm über die Jahre auch einige gute Freundschaften gepflegt habe, und daher nicht wieder „in der Fremde“ starten musste.

FRIZZ: Als Sie das Programm der Volkshochschule kennen lernten, dachten Sie, oje hier gibt es viel zu tun, oder waren sie eher überrascht?
Tanja Leuthe: Es ist toll, wie breit aufgestellt der Fachbereich mit seinen Kursangeboten und Veranstaltungen bereits ist. Natürlich ist das derzeit schon sehr fordernd für mich – anderseits gab es noch keinen Tag, an dem ich mich gelangweilt habe. Im Moment bin ich dabei zu planen, wie ich ab dem Herbstsemester auch eigenen Akzente setzen und neue Formate auszuprobieren kann.

FRIZZ: Wie hoch schätzen Sie die Bedeutung der vh überhaupt ein?
Tanja Leuthe: Immens hoch! Nicht nur vor dem Hintergrund der Gründungsgeschichte in der Nachkriegszeit durch Inge Aicher-Scholl - auch heute ist das Motto „Einmischung erwünscht“ an der vh Ulm immer noch lebendig.  Mit ihrem Programm bietet die Volkshochschule Ulm Raum für kreative Entfaltung, Partizipation und fördert den kulturellen Austausch. Ich bin von der Wirkung und Sinnhaftigkeit von kultureller Bildung für Menschen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft überzeugt und es ist schön einen Job zu haben, für den man brennt.

FRIZZ: Sind die finanziellen Mittel und die personelle Ausstattung Ihrer Meinung nach ausreichend?
Tanja Leuthe: Wenn man mehr Mittel und mehr Personal hätte, könnte man natürlich noch viel mehr tolle Projekte, Kurse und Veranstaltungen machen. Vor allem für prominente Gäste bei Konzerten, Lesungen und Vorträgen hätte ich schon gern mehr Geld, denn die Honorare sind furchtbar teuer und wir wollen ja nicht die Eintrittsgelder zu hoch ansetzten.“

FRIZZ: Der Kulturbereich der VH ist relativ breit aufgestellt. Können Sie ein paar Zahlen nennen: Wie viele Kurse pro Semester und wie viele Dozenten arbeiten da?
Tanja Leuthe: Im aktuellen Semester haben wir knapp 350 Kurse, die von ca. 130 Dozenten angeboten werden.

FRIZZ: Sie wollen mit eigenen Formaten und Aktionen neue Schwerpunkte setzen. Können Sie uns dazu schon etwas verraten?
Tanja Leuthe: Ich möchte gern neue Kooperationen eingehen und mit der vh an Orte gehen, wo sie bisher noch nicht war. Aktuell bin ich zum Beispiel mit Roy und Michael vom Cabaret Eden im Gespräch. Das war schließlich schon immer einer meiner Lieblingsclubs in Ulm und bietet ein charmant-plüschiges Ambiente für eine Lesung oder andere Kulturveranstaltungen. Aber auch für weitere andere Orte und Kooperationen bin ich offen.
Zudem möchte ich die Schnittstelle zwischen Kultur und sozialen Netzwerken mehr nutzen. Zum Beispiel werde ich die direkte Beteiligung des Publikums an einer kommenden Fotografie-Ausstellung zum Thema „Digitales Leben“ auf der Plattform Instagram anregen.

FRIZZ: Welche Ziele verfolgen sie damit?
Tanja Leuthe: Idealerweise gewinne ich damit neues Publikum für die vh und kann gleichzeitig das Stammpublikum mit neuen Orten und Formaten positiv überraschen. Generell gilt natürlich immer: Menschen mit Kultur berühren und inspirieren.

FRIZZ: Halten Sie es darüber hinaus auch für wichtig, dass Kultur in öffentliche Räume getragen wird? Haben Sie vielleicht schon Ideen?
Tanja Leuthe: Toll wäre es Menschen mit Poesie in Berührung zu bringen, die sonst nichts damit zu tun haben. Das kann zum Beispiel durch Aktionen im öffentlichen Raum geschehen. Ich bin im Gespräch mit Dozenten aus Schreibwerkstätten, wie Poesie aus den Kursen z.B. durch spontane kleine Lesungen am Hauptbahnhof oder Flugplätter in der Fußgängerzone in die Stadt getragen werden kann.
Mich persönlich befremdet es, wie selbstverständlich Bürgerinnen und Bürger die mit Werbung zugepflasterten Stadt akzeptieren, aber für Street-Art Künstler, die den öffentlichen Raum für künstlerische Ausdrucksformen zurückerobern, kein Verständnis haben. Vielleicht gibt es ja – nach der Aktion 2010 am Einsteinhaus - nochmal die Gelegenheit mit Street-Art Künstlern zusammen zu arbeiten. Natürlich auf legalem Wege. (lacht)

FRIZZ: Interessieren sich Jugendliche überhaupt noch für Kunst und Kultur, oder flacht das Interesse in unserem digitalen Zeitalter für „Handgemachtes“, sei es Musik oder bildende Kunst, eher ab?
Tanja Leuthe: Dieser Generationspessimismus ist doch irgendwie langweilig, nicht wahr? Jede Generation findet die jüngere Generation oberflächlich, ungebildeter etc. Vielleicht ist es auch völlig in Ordnung, wenn sich junge Menschen im Moment mehr für die Musik von Billy Eilish begeistern als für Richard Wagner. Das heißt nicht, dass klassische Musik stirbt. Das eine muss auch nicht schlechter sein, als das andere. Im Übrigen sind digital beeinflusste Kunst, Musik und weitere Ausdrucksformen nicht unbedingt von geringerer Qualität.  Anderseits beobachte ich beispielsweise bei jungen kreativen Leuten eine Rückkehr zu Schallplatten, Schreibmaschinen, DIY-Produkten, Stricken, zum selber Nähen, Notebooks etc. Vielleicht bekommt das Handgemachte ja ein Revival und ergänzt die Entwicklungen der Digitalisierung.

FRIZZ: Sie hingegen begeisterten sich schon früh für diesen Bereich. Woher kommt die große Affinität fürs Kreative?
Tanja Leuthe: Ich bin nicht in einem familiären Umfeld aufgewachsen, bei dem Kultur und das Kreative einen Stellenwert oder Platz hatte. Vielleicht habe ich aber gerade deshalb dort einen eigenen Rückzug und Raum für mich gefunden. Ansonsten hat mich Musik, Poesie, Kunst von früh auf berührt und mir neue Welten eröffnet.

FRIZZ: Sie sind auch Autorin und schreiben überwiegend Lyrik und Poesie. Wie würden Sie Ihren Schreibstil bezeichnen?
Tanja Leuthe: Mein poetisches Schreiben selber zu analysieren ist komisch. Aber generell versuche ich in textlichen Momentaufnahmen Poesie einzufangen, die der Innen- und Außenwelt bereits immanent ist – also mir begegnet, wenn ich mit offenen Sinnen durch den Alltag, das Leben, die Welt gehe.  Auch wenn das Scheiben durch meine eigene Wahrnehmung und Erfahrungen geprägt ist, möchte ich damit poetische Räume öffnen, die für jeden Leser eine andere Bedeutung haben können. Ich mag es zum Beispiel derbe Alltagsprache mit altmodischen Wörtern zu konterkarieren. Abgesehen von einem Punkt am Schluss verabscheue ich Satzzeichen in meinen lyrischen Texten. Außerdem arbeite ich gern mit Versen, die auf mehrdeutige Art miteinander verbunden sind. Wer auf dem Laufenden über meine Texte und Lesungen sein möchte, dem sei meine Homepage empfohlen: tanjaleuthe.de

FRIZZ: Könnten Sie unseren Lesern eine kleine Kostprobe geben?
Tanja Leuthe: (lacht) Der Impuls zu diesem Gedicht ist auf der Toilette eines kleinen Clubs in München entstanden. Auch der Besuch der Toilette kann also zum Schreiben inspirieren. Nachdem das Gedicht fertig war, habe ich es ausgedruckt und im Inspirationsort an die Wand geklebt – also Poesie in die Stadt gebracht.


Austreten

All die kleinen Fliesen wackeln
mit bei jedem wummrigen Bass
sind kurz davor sich abzulösen
den Kopf zu umschwirren
der schwerelos ist während
du die Stretchjeans
wieder hochziehst und
die roten Augen hängen
bleiben bei den
halbdurchweichten
Papiertüchern auf dem schmierigen
Boden wie zu einem kunstvollen
Muster eigens für dich so drapiert
hämmert es an der Tür
du atmest ein
hämmert es an der Tür
du stolperst raus
und findest deinen Platz
am Rande der
aufgekratzten Meute.


FRIZZ: Neben dem Schreiben machen Sie auch Musik. Sie spielen Gitarre und singen. Was haben Sie im Repertoire?
Tanja Leuthe: Ich habe bisher rund zehn selbstgeschriebene Lieder mit eigenen Songlyrics. Manchmal covere ich auch Lieder, und versuche dabei eine neue eigene Interpretation zu finden. Mein Gitarrenspiel reicht aber nicht über Liedbegleitung hinaus – da bin ich etwas faul und singe ehrlich gesagt besser als ich spiele. Daher arbeite ich auch gern mit anderen Musikern zusammen. In München spielte ich mit dem Duo „Me and the devil“ in kleineren Kneipen. Ein paar der Lieder haben wir auch auf Soundcloud hochgeladen – da kann gern reinhören: soundcloud.com/meandthedevil-muc. Komischerweise texte ich automatisch auf Englisch, wenn ich Songlyrics schreibe.

FRIZZ: Die Südwestpresse titelte „Was diese Frau alles kann“, denn als wäre das nicht schon genug, zeichnen Sie auch noch. Was genau?
Tanja Leuthe: Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich die Headline charmant fand, aber wirklich kein Allroundgenie bin. Zum Zeichnen: Ich gehe eigentlich nie ohne mein Notizbuch aus dem Haus, in dem ich Beobachtungen und Gedanken reinschreibe, aber auch eben gern mal zeichne. Das sind meist Zeichnungen mit Kugelschreiber – meist von Menschen.

FRIZZ: Am 29. Juli um 18.30 Uhr kann man Sie live auf der Ulmer Schachtel mit Lesung und Musik erleben. Was erwartet interessierte Zuschauer an diesem Abend?
Tanja Leuthe: Ich werde in kleinen Themenblöcken - darunter Gesellschaft, Liebe, Reisen und andere - Gedichte von mir lesen. Damit es nicht allzu trocken wird, kann man dabei auch Wein oder Wasser trinken. Zwischendurch werde ich auch ein paar meiner Lieder für das Publikum performen. Ich hoffe das bekomm ich auch gut hin, wenn das Schiffchen vor sich hinschaukelt.

FRIZZ: Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?
Tanja Leuthe: Das kann sehr unterschiedlich sein, aber hier mal ein Beispiel: Meistens bin ich um 9 Uhr im Büro und koordiniere mit meiner tollen Sekretärin die ganzen Kurse, die in der Woche laufen. Dann habe ich ein Treffen mit einem Dozenten, der einen neuen Kunstkurs anbieten möchte und plane danach mit einem Kooperationspartner eine gemeinsame Veranstaltung für das neue Semester. Die Veranstaltung pflege ich dann gleich mal in unsere Datenbank ein, damit der Raum auch reserviert ist. Nach der Mittagspause setze ich mich mit Leonie, die bei mir FSJ Kultur macht, zusammen und wir gehen durch, welche Flyer und Plakate sie erstellen kann und ob etwas Neues auf den vh Fotoblog muss. Dann treffe ich mich mit anderen Fachbereichsleitern, um zu koordinieren, welche Filme wir zum kommenden Semesterschwerpunkt zeigen wollen. Vielleicht schreibe ich zwischendurch noch einen Architekten an, um ihn für einen kommenden Vortrag zu gewinnen. Und nicht vergessen sollte ich, die Honorare der Dozenten durchzugehen und für die Verwaltung zur Auszahlung abzuzeichnen. Abends habe ich dann ein Konzert im Club Orange und kläre mit dem Hausmeisterteam, ob alles mit der Technik passt und bereite dann noch schnell meine Anmoderation vor. Wie man erahnen kann ist Teamwork und gute Zusammenarbeit sehr wichtig in meinem Job und ich bin froh hier im Haus so ein gut gelauntes und stresserprobtes Kollegium zu haben.

FRIZZ: Haben Sie sich mittlerweile in Ulm schon wieder eingelebt?
Tanja Leuthe: Mit der recht fordernden Einarbeitungszeit und dem Umzugsstress hatte ich noch nicht genug Zeit, die Stadt in Ruhe neu zu erkunden. Aber ich konnte schon schöne neue Orte für mich entdecken und genieße es an der Donau zu joggen. Und ich bin froh im Gegensatz zu München einen kurzen Arbeitsweg zu haben.

FRIZZ: Welche regionalen Kulturstätten werden Sie privat besuchen? Roxy-Hallen, Theater, Ulmer Zelt oder ratiopharm Arena, um nur ein paar zu nennen?
Tanja Leuthe: Klar, im Grunde alles Genannte. Auch das Gleis 44 konnte ich schon kennenlernen und fand es spannend. Und das von mir geliebte „Cat/Sauschdall“ bietet zumindest ab und an noch schöne Partys und Konzerte an.

FRIZZ: Gibt es Konzerte, die Sie in letzter Zeit besucht haben und Ihnen besonders hängen geblieben sind?
Tanja Leuthe: Dazu gab es echt noch kaum Gelegenheit. Ich freu mich aber schon auf ein Konzert in der Hudson Bar mit „The Underground Youth“. Ich habe ein Faible für düstere, schwermütige Musik und bevorzuge intimere Indie-Konzerte, als Events in großen Konzerthallen.

FRIZZ: Konnten Sie schon ein Lieblingsrestaurant in Ulm entdecken?
Tanja Leuthe: Ich war vor ein paar Jahren in China und hab dort entdeckt, wie fantastisch die „originale“ chinesische Küche ist. Das Restaurant „Zero-Up“ in der Rebengasse kocht ausdrücklich nicht „eingedeutschte“ chinesische Küche und ich bin sehr dankbar dafür. Allerdings ernähre ich mich schon seit Ewigkeiten vegetarisch und vermisse in Ulm mehr Restaurants, die sich ausschließlich der vegetarischen oder veganen Küche verschrieben haben.

FRIZZ: Was gefällt Ihnen überhaupt besonders in unserer Stadt?
Tanja Leuthe: Die vielen pittoresken Fachwerkhäuschen und natürlich die Donau.

FRIZZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Tanja Leuthe: Also in Bezug auf mich? Weiterhin viel Freude an der Arbeit, gutes Teamwork und die Möglichkeit neues auszuprobieren. Wenn ich dann noch genug Freiraum und Energie für mein eigenes kreatives Schaffen habe, bin ich sehr glücklich.
In Bezug auf die Welt: mehr Poesie  satt mehr Autos in der Welt, keine Ausbeutung der Schwächeren, kein Rassismus und Antisemitismus mehr, freie Entfaltung in Bezug auf Geschlechteridentität und Sexualität, kein Geld für Rüstungsindustrie, ein besseres System als den Kapitalismus, keine Massentierhaltung mehr – also kurzum Frieden auf der Welt. Könnt ihr das was machen?


Mehr Infos:
tanjaleuthe.de
vh-ulm.de