Logo Frizz Magazin Ulm „Erlebe deine Stadt“ Logo Frizz Magazin Ulm

Stadtgespräch mit Go Go Gazelle




Go Go Gazelle


Mit Benzin und Leerlauf trennten sich 2015 zwei Bands, die viele Jahre für Belebung in der deutschen Musikwelt gesorgt hatten. 2017 treffen sich einzelne Musiker in der Sauna wieder und entscheiden: Rockmusik müsste wieder einfach werden und Relevantes erzählen. So entstand GO GO GAZELLE. Wir haben heute den überaus sympathischen Schlagzeuger Marc Huttenlocher (Bild links) im Interview.


FRIZZ: „Money for nothing and chicks for free” - war das deine Motivation Musik zu machen?

Marc: Ich unterstelle mir genau null Gemeinsamkeiten mit den Dire Straits. Moment... der Vorname des Gitarristen vielleicht noch. Ansonsten hab ich bis heute durch die Musik nichts in Sachen “Money” und wenig in Sachen “Chicks” gesehen. Ich muss wohl mal Knopfler und Co anrufen….

Mit der ehemaligen Band Benzin aus dem Ulmer Raum habt ihr mehrere CDs veröffentlicht. Beschreibe doch einmal die Anfänge. War es schwierig, Fuß zu fassen?
Es war vor allem – und das klingt kurios anachronistisch – ne ganz andere Zeit. Als ich zu „Benzin“ kam, war noch nicht mal „myspace“ in Deutschland bekannt, von anderen sozialen Medien mal ganz zu schweigen. Es ging also wirklich klassisch über Demos per Post verschicken, in jedem Jugendhaus - und wenn es gut lief sogar Konzertclub - spielen und langsam wachsen. Das ging regional echt gut, überregional war das schon mit enorm viel Aufwand verbunden. Das ist heute ja nicht zwingend einfacher, da zwar die Vertriebskanäle via Streaming und Social Media viel schneller zu erreichen sind, aber es veröffentlichen nun eben jeden Tag hunderte gute Bands neues Material. Da den Kopf aus der Masse rauszubekommen ist auch nicht wirklich leichter.

Waren du und deine Band damals selbstständig mit eurer Musik, so mit privater Krankenversicherung und allem was dazu gehört?
Wir haben tatsächlich wirklich immer „nebenbei“ gearbeitet. Das war in Jahren, in denen wir bis zu 60 Konzerte gespielt haben, schon echt heftig. Ich glaube das hat zwar zum einen die Band lange am Leben gehalten, da wir nicht nur auf Musik-Einnahmen angewiesen waren. Andererseits hat das aber dann auch irgendwann zum Ende geführt, weil es schon aufreibend war. „Zu langsam für die linke Spur, zu schnell für die rechte“. Das dürfte es wohl treffend zusammenfassen.

Habt ihr euch eigentlich 2017 rein zufällig in der Sauna wieder getroffen?
Klar. Das war ein großes „Hallo“. Aber ich fürchte, ihr habt auch minderjährige Leserinnen und Leser - ich verzichte auf entsprechende Details.

Wie kam es zu dem Entschluss, erneut eine Band zu gründen?

Ich hab während der "letzten Benzin-Jahre" schon in Berlin gewohnt. Irgendwann kam die Option auf, wieder in den Süden zu ziehen. Da hab ich relativ direkt Sebastian angerufen, im Sinne von: „Wollen wir nicht noch mal?“. Ich hatte zuvor auch bei seinem Soloprojekt im Studio getrommelt und wir sind auch neben dem musikalischen Nenner sehr gut befreundet. Da war das mindestens naheliegend. Und mit Andreas kam noch ein alter Bekannter der Augsburger Band „Leerlauf“ dazu, den wir musikalisch sehr schätzen. Außerdem gibt er in Sachen musikalischem Können ein klares Upgrade und in Sachen Altersdurchschnitt ein wohltuendes Downgrade.

„Go Go Gazelle“- welche Bedeutung hat euer Bandname?
Wir hatten eine tolle lange Liste mit vielen Ideen und teilweise auch Visualisierungen dazu. Es ist dann der sinnloseste Name geworden. Da sind wir aber glaube ich in ganz guter Gesellschaft mit anderen Bands.

Wie würdest du eure Musikrichtung bezeichnen?
Wir klauen uns viel zusammen und versuchen dann unser eigenes Ding draus zu machen. Da trifft Folk auf Punkrock und Liedermacher-Songs verschmelzen mit viel Krach. Letztendlich ist es irgendwie Rockmusik mit recht durchdachten deutschsprachigen Texten.

„Aufstand am nördlichen Ende der Couch“, so heißt eure EP, die Anfang März auf den Markt kommt, und das Friedenslicht genauso wie den billigen Gerstensaft thematisiert. Wie würdest du sie selbst in ein paar Schlagwörtern beschreiben?
Ich glaube alleine die Anleihe des Titels an einen großen Autor, der in seinen Texten eine gewisse Vorliebe für das „Kaputte“ hatte, gibt hier die Richtung vor. Ich vermeide gerne Schlagworte, aber wir haben die ganze EP zusammen live eingespielt, das sagt über die Ausrichtung schon einiges. Uns hat es Spaß gemacht und ich glaube das hört man. Textlich bewegen wir uns zwischen melancholisch, tragisch und humorvoll.

Danach folgt eine Tour quer durch Deutschland. Wie bereitet ihr euch darauf vor und ist das ganz Projekt noch mit großer Aufregung verbunden?
Proben. Und zwar in einem Alter angemessenen eingeschränkten Maße. Aufregung haben wir auf ärztlichen Rat (Das Herz!!!) möglichst abgelegt. Ein bisschen tut uns aber schon immer ganz gut.

Kannst du jungen Bands Tipps geben? Wie geht man vor und wie stellt man sich auf, um in diesem Business Fuß zu fassen.
Wie bereits angemerkt. Jeden Tag veröffentlichen zahlreiche gute Bands neue Musik. Das ist echt schwer da irgendwie rauszustechen. Ich hab irgendwann - zu spät - gelernt, dass man recht früh schon seinen eigenen Stil finden sollte. Damit irgendwann mal hinter dem „klingen wie…“ steht: „…sie selbst“. Alle Bands, die heute nach oben durchkommen, haben sich in den Anfängen an „großen“ Bands orientiert und dann aber ihr eigenes Ding gefunden. Keiner braucht die „zweiten“ Die Ärzte, Coldplay, Kraftklub, Bilderbuch. Wenn man das alles aber gut mischt und sein eigenes Ding macht, hat man wieder ne Chance.

Was denkst du über Casting Shows?
Gar nichts mehr. Ich glaube das System hat sich selbst überholt und die TV Quote hat sich zumindest seit 2005 nicht mehr in Plattenverkäufe oder große künstlerische Karrieren übertragen.

Neben der Musik bist du außerdem auch noch Senior Product Manager bei einer Plattenfirma. Kannst du uns den Job beschreiben?
Beim Product Manager läuft letztlich alles zusammen, was die Veröffentlichung eines Produkts betrifft. Der arbeitet eng mit dem A&R zusammen, der den Künstler unter Vertrag genommen hat und bestimmt dann – natürlich in engster Absprache mit dem Act selbst – wie das Erscheinungsbild ist, wie das Produkt vermarktet wird, wo man stattfinden will und vor allem auch wo nicht. Das ist natürlich ein ganz anderes Leben, als wir es in einer kleinen Indie Band haben. Aber mir hilft das natürlich sehr bei meiner Arbeit, weil ich ja auch zumindest immer ein wenig meine eigene Künstlersicht mit einfließen lassen kann und ein Grundverständnis von den Zusammenhängen habe.

Ende 2018 kam ein äußerst lesenswertes Taschenbuch mit dem Namen „Potzblitz“ auf den Markt. Herausgeber sind Sebastian Schwaigert und du. Was war die Idee dahinter und wie kam es dazu?
Die Idee kam von Sebastian. Wir lagen nach einem der unzähligen gemeinsamen Konzerte zusammen nachts auf dem Hotelzimmer und beim Feierabendbier erzählte Sebastian von seiner Idee. Ich bin währenddessen dann noch eingeschlafen und normalerweise sterben solche Ideen auch mit dem letzten Bier des Abends. In diesem Fall aber hat die Idee überlebt und wir haben da richtig Zeit investiert, um das Buch dann letztlich zu realisieren.

Hast du eine Lieblingsgeschichte darin?
Da gibt es einige und die wechseln auch immer mal wieder. Ist vor allem interessant bei den Leuten, die man davor schon kannte, weil man da ja wirklich witzige bis bewegende (Kindheits-)Geschichten erfährt.

Ihr spendet den gesamten Erlös dieses Buches einem sozialen Projekt. Welchem, und warum macht ihr das?
Genau wir spenden den kompletten Autorenteil an Amnesty International. Die finanzieren unter anderem Musikunterricht für Geflüchtete. Das ist natürlich eine tolle Sache, da ja Musik auch in unserem Buch im Fokus steht und da war das sehr naheliegend. Und dass Amnesty International generell unterstützenswert ist, brauche ich wahrscheinlich nicht weiter zu erklären.

Findest du es generell wünschenswert, dass sich gerade Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sozial engagieren?
Kann ich so pauschal nicht sagen. Bei manchen Prominenten hat man ja eher das Gefühl, dass sie das ein bisschen als Trittbrett benutzen. Aber selbst das spricht wahrscheinlich dann doch nochmal eine ganz eigene Zielgruppe an. Also ja, wahrscheinlich braucht es das gerade vermehrt, wo wir in etwas unruhigen und nervösen Zeiten leben.


Ist es für euch auch wichtig sich politisch und gesellschaftlich öffentlich zu positionieren?
Mit dem Buch war uns das sehr wichtig. Auch mit unseren Bands haben wir immer wieder bei „Kein Bock auf Nazis“-Festivals gespielt, auch da war uns schon immer wichtig uns gerade auch von der rechten Seite sehr bewusst abzugrenzen. Aber wir müssen jetzt in unseren Songtexten nicht mit erhobenem Zeigefinger dastehen und die Menschheit bekehren. Aber es gibt Ausnahmen wie bei der neuen EP, da gibt es den Song „Legt die Waffen nieder“, aber auch da ist das ein oder andere Augenzwinkern hinter der Message hoffentlich erkennbar.

Wie sieht denn dein Tagesablauf auf? Hast du bei all den Beschäftigungen Zeit zum Schlafen?
Also tatsächlich gibt es keinen richtigen Feierabend. Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, hänge ich jeden Abend mindestens zwei bis drei Stunden „Freizeit-Arbeit“ hintendran. Ob das Buchprojekt, eigene Band, Management von einer anderen Band, oder Moderations- bis hin zu DJ-Jobs. Zu tun gibt es immer was Spannendes.

Wo lebst du momentan?
In München, ich pendele aber einigermaßen häufig nach Berlin.

Welche Musiker magst du?
Also seit meiner Jugend bin ich sehr großer Die Ärzte-Fan, hab von denen auch an die 60 Konzerte gesehen und reise für die auch im Frühsommer durch halb Europa. Ich mag das Unkonventionelle an denen und dass sie doch auch ganz klar für was stehen. Die verkörpern für mich letztlich so eine Kombination, die ich an Musik und Bands gut finde. Und viele Musiker, die ich gut finde, haben auch den Weg in unser Buch geschafft, was uns natürlich umso mehr ehrt.

Zurück zu deinen Anfängen. Würdest du alles noch einmal genauso machen?
Puh. Das ist eine fast schon philosophische Frage. Wahrscheinlich hätte ich früher angefangen an meinen Gitarrenfertigkeiten zu arbeiten. Das ärgert mich heute ein wenig. Und ich hätte vielleicht was Anderes studieren sollen, aber ich bin im Großen und Ganzen doch sehr zufrieden.

Hast du noch Verbindungen nach Ulm?
Also alleine die „Benzin“-Jahre verbinden mich für immer mit Ulm. Ich mag die Stadt auch echt sehr und kenne viele Leute aus dem kulturellen Bereich sehr gut, die dort tätig sind. In schöner Regelmäßigkeit moderiere ich auch immer mal wieder im Roxy oder im Stadthaus, bin also schon noch sehr häufig in Ulm und freu mich auch jedes Mal wieder.

Welchen großen Traum würdest du dir noch mit deiner Musik erfüllen wollen?
Also ganz grundsätzlich wäre es immer schön gewesen, sich mal nur auf die Musik konzentrieren zu können. Dass man die (finanzielle) Freiheit hat, sich das mal zwei, drei Jahre rauszunehmen. Und dann natürlich nochmal eine weitere größere Support Tour für eine meiner Lieblingsbands spielen zu dürfen. Das würde mich aus musikalischer Sicht sehr glücklich machen.

Gibt es einen Lieblingsmenschen in deinem Leben?
Definitiv. Aber den würde ich nicht mit dem Wort „Lieblingsmensch“ bezeichnen.

Beende den Satz: Ohne Musik wäre mein Leben...
…komplett anders und wahrscheinlich seeeeeehr langweilig.


Mehr Infos unter: www.facebook.com/GoGoGazelle