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Stadtgespräch: Interview mit Tobias Schrade


und Martina Strilic

Tobias Schrade und Martina Strilic vor einem Bild mit Brot

Seit dem Jahr 2003 ist die Galerie Tobias Schrade, nach sechs Jahren Berlin, im Ulmer Fischerviertel ansässig. Sie bildet eine Plattform für zeitgenössische Kunst sowie für deren Liebhaber und Sammler. Seit ihrem Bestehen hat sie sich als ein Garant für hochwertige Kunst über den Süden Deutschlands hinaus etabliert. Aktuelle Strömungen in der zeitgenössischen Kunst zu beobachten und zu fördern haben sich Tobias Schrade und Martina Strilic zur Aufgabe gemacht. Somit umfasst das Galerieprogramm ein breites Spektrum von zeitgenössischer Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation und Objekt. Dies zeigt sich in bis zu zehn Einzel- und Gruppenausstellungen im Jahr.


FRIZZ: Mit knapp über 20 eröffneten Sie Ihre erste Galerie in Berlin? Woher kommt Ihr Faible für Kunst?
Tobias Schrade: Ich bin mit der Kunst aufgewachsen.

FRIZZ: Ihre Mutter ist Künstlerin und Ihre Eltern sind außerdem noch Galeristen. Wäre ein anderer Beruf für Sie nie in Frage gekommen?
T
obias Schrade: Eigentlich nicht, ich wollte schon während der Schulzeit am liebsten in der Galerie meiner Eltern bei der Kunst und den Künstlern bleiben...mein Bruder Daniel Kojo ist übrigens Künstler geworden.

FRIZZ: Es gibt keine Ausbildung zum Kunsthändler. Was haben Sie für einen Beruf erlernt?
Tobias Schrade: Ich habe eine kaufmännische Ausbildung und habe den ausgestorbenen Beruf des Kupferdruckers bei dem Künstler Willibrord Haas in Berlin gelernt.

FRIZZ: Als sie damals, als „Grünschnabel“, die Galerie in Berlin eröffneten, waren Ihnen da mulmig oder hatten Sie nie Zweifel an dem Erfolg?
Tobias Schrade: Es war einfach das was ich tun wollte, ich war 23 Jahre alt und habe über so was gar nicht nachgedacht.

FRIZZ: Was zeigten Sie in Ihren ersten Ausstellungen?
Tobias Schrade: Die erste Ausstellung war von Shmuel Shapiro, mit diesem Künstler bin ich aufgewachsen. Die 2. Ausstellung war von Hermann Weber und hieß „Im Spiegelland“.

FRIZZ: Wie wichtig war die Zeit in der Großstadt für Ihr berufliches Wirken?
Tobias Schrade: In Berlin habe ich sehr viele Künstler aus unserem heutigen Programm, teilweise noch als Kunststudenten, kennen und schätzen gelernt. Wir haben zusammen Fußball gespielt, sind in Kneipen rumgehangen und haben Malaktionen veranstaltet, mit großen Dampfwalzen Monotypien gedruckt und unsere Ausstellungen gemacht.

FRIZZ: Was hat Sie wieder in den Süden gezogen?
Tobias Schrade: Das hatte private Gründe.

FRIZZ: Haben Sie jemals den Schritt in die Provinz bereut?
Tobias Schrade: Nein, überhaupt nicht! Hier in Ulm habe ich meine Lebensgefährtin und Galeriepartnerin Martina Strilic kennengelernt. Seit 2003 betreiben wir die Galerie gemeinsam und sie wird ab jetzt auch ein paar Fragen beantworten.

FRIZZ: Galerist ist ein rätselhafter und glamouröser Beruf. Man umgibt sich den ganzen Tag mit wohlhabenden Schöngeistern und reichen Sammlern. Den Abend lässt man in einer hippen Bar mit einem Glas Prosecco ausklingen, ist das so?
Tobias Schrade: Ich mag keinen Prosecco und auch keine Klischees. Als Galeristen sind wir vor allem den ganzen Tag von Kunst umgeben, was sehr schön ist. Wir haben mit den verschiedensten Menschen mit unterschiedlichen Budgets zu tun, was alle gemeinsam haben ist das Interesse an der Kunst.

FRIZZ: Sie sind nun mehr als zwanzig Jahren in dieser Branche tätig? Hat sich das Geschäft im Vergleich zu früher verändert?
Tobias Schrade: Ich denke, dass sich alle Branchen verändert haben. Es kommen digitale Inhalte dazu, der Handel wird internationaler. Es gibt z.B. auch viel mehr Künstler als früher und auf der anderen Seite weniger Menschen, die bereit sind sich mit Kunst zu beschäftigen und in Kunst zu investieren.

FRIZZ: Oft braucht man eine umfassende Einführung, um Kunst verstehen zu können. Sollte sie nicht direkt, ohne viel Hintergrundwissen, zugänglich sein?
Martina Strilic: Beides gibt es und beides hat seine Berechtigung. Würde man sich für eines davon aussprechen, dann würde man ja der Kunst bzw. den Kunstschaffenden die Freiheit nehmen. Wenn ich fordere, dass alles gleich verstanden wird, dann setze ich voraus, dass die Kunst nur für den Betrachter geschaffen wurde... - dem ist aber nicht immer so. Ich finde es auch interessant, dass sich diese Idee des Verstehen-Müssens so hartnäckig in der bildenden Kunst hält. Bei Musik ist das meist anders, man hört Musik und es wird nicht weiter hinterfragt ob man die Musikschaffenden verstanden hat. Durch das Hören von Musik und die Beschäftigung damit wird die Wahrnehmung dann immer geschulter und es erschließen sich einem Stücke, die vorher evtl. zu komplex waren. Das ist ein jahrelanger Prozess, der Interesse und Leidenschaft erfordert und das ist mit der bildenden Kunst nichts anderes. Uns geht es ja auch so, dass unsere Wahrnehmung durch die Arbeit mit der Kunst ständig gefördert wird und da ist, Gott sei Dank, auch kein Ende in Sicht.

FRIZZ: Wie und wonach suchen Sie Ihre Künstler aus? Gibt es so etwas wie einen roten Faden, etwas Verbindendes in Ihrer Galerie?
Tobias Schrade: Unser Galerieprogramm ist weit gefächert, wir haben auch sehr gegensätzliche Positionen im Programm. Was diese Positionen eint ist die Höhe der künstlerischen Qualität einerseits und andererseits unsere eigene Begeisterung dafür.

FRIZZ: Versuchen Sie auch ab und zu neue Wege zu gehen? Oder setzen sie wegen des wirtschaftlichen Drucks lieber auf als Bewährtes?
Tobias Schrade: Es ist richtig, dass die Kosten gedeckt sein müssen um eine Galerie führen zu können, aber es gibt verschiedene Möglichkeiten dies zu erreichen. Wir haben uns dafür entschieden qualitativ gute und interessante Ausstellungen zu machen von Künstlern, die nicht unbedingt jeder kennt. Das bedeutet, dass jede Ausstellung eigentlich ein neuer Weg ist. Und es macht sich nach über 20 Jahren natürlich bezahlt, dass die Kunden einem das Vertrauen entgegen bringen, dass es sich dabei um gute Kunst handelt.

FRIZZ: Es gibt mehrere Möglichkeiten, sich Kunstwerken zu nähern. Wie machen Sie das, kunstgeschichtlich methodisch, oder lassen Sie sich auch manchmal von Ihren Gefühlen und Intuitionen leiten? 
Martina Strilic: Immer beides. Bei der Beschäftigung mit der Kunst sind parallel mehrere Ebenen, geistige wie emotionale, gleichzeitig und auch gleichwertig aktiv.

FRIZZ: Was macht einen erfolgreichen Galeristen aus?
Tobias Schrade: Die Liebe zur Kunst und eine Vertrauenswürdigkeit gegenüber Künstlern und Kunden sind sicher die Grundvoraussetzungen. Es gibt viele verschiedene interessante Modelle von Kollegen, die erfolgreich funktionieren.

FRIZZ: Stimmt die Legende, dass man als Galerist die Preise der Uhren runter beten können muss, weil man an der Uhr erkennt, welche Bilder sich ein Interessent leisten kann?
Tobias Schrade: Ich habe noch nie von dieser Legende gehört.
Martina Strilic: Eine kleine Anekdote dazu: vor einigen Jahren kam ein Kunstsammler aus München mit dem Zug zu uns gefahren, hat sich vier Bilder aus der damaligen Ausstellung ausgesucht und diese in einer Lidl-Tüte verstaut um sie gleich mitzunehmen. Dieser Sammler trug zerlatschte Gesundheitsschuhe und hatte einen Wollpulli mit Löchern am Ellbogen an.

FRIZZ: Ist der Eindruck richtig, dass es zwei Arten von Sammlern gibt: Die Lässigen, die aus Leidenschaft sammeln – und die Geschniegelten denen es ums Geld geht?
Martina Strilic: Zwischen diesen beiden Polen gibt es noch viele weitere individuelle Motive sich Kunst zu kaufen. Außerdem gibt es noch die Kunstankäufe aus öffentlicher Hand von Museen, städtischen Einrichtungen oder öffentlichen Sammlungen.

FRIZZ: Welche künstlerischen Entwicklungen/Richtungen finden sie derzeit spannend?
Tobias Schrade: Es gibt wirklich viele richtig gute und faszinierende Künstler heutzutage, ich möchte mich da jetzt nicht einschränken.

FRIZZ: Gibt es hingegen auch Trends, die sie enttäuschen?
Martina Strilic: Ich mag es zwar nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass die Kunst nur auf den ersten starken Eindruck beim Betrachten setzt und es danach für mich nichts weiter zu erfahren oder zu erforschen gibt. Aber egal ob ich es mag, oder verstehe… wichtig finde ich die künstlerische Vielfalt.

FRIZZ: Gibt es heutzutage spezielle Plattformen, die Sie für wichtig halten, um mit einer neuen, potentiellen Käuferschicht zu kommunizieren? 
Martina Strilic: Online nutzen wir dafür derzeit Instagram und facebook. Artsy ist z.B. eine Plattform für den Online-Handel von Kunst, die wir gerade beobachten. Ferner kommt es auch häufiger vor, dass wir Arbeiten über unsere Webseite verkaufen, ohne dass der Kunde in die Galerie kommt. Offline wären da natürlich die Kunstmessen in Karlsruhe und Dornbirn in Österreich zu nennen an denen wir jährlich teilnehmen.

FRIZZ: An welche Künstlerbegegnungen erinnern Sie sich gerne?
Tobias Schrade: Wir haben sehr viele schöne und bereichernde Begegnungen mit Künstlern und Künstlerinnen. Der verstorbene Ulmer Künstler Thomas Kahl, von dem wir gerade eine Retrospektive zeigen, gehört auf jeden Fall zu den ganz besonders erinnerungswürdigen Begegnungen, wir waren eng befreundet.

FRIZZ: Viele große und bedeutende Künstler sind leider schon verstorben. Wen von Ihnen hätten Sie gerne einmal noch getroffen? 
Martina Strilic: Artemisia Gentileschi, Jean-Michel Basquiat, Paula Modersohn-Becker. Das waren großartige Künstler und Künstlerinnen mit interessanten Biografien.

FRIZZ: Ein Blick in die Zukunft: Auf welche Ausstellungen dürfen sich Interessierte freuen?
Tobias Schrade: Vom 9. Februar bis 9. März 2019 findet die Austellung KUNST BEWEGT - Positionen kinetischer Kunst statt. Da freuen wir uns riesig drauf. Diese Ausstellung wird von dem Künstler Siegfried Kreitner für unsere Galerie kuratiert und zeigt Kunst, die in Bewegung ist.

FRIZZ: Was gefällt Ihnen in der Ulmer Umgebung besonders?
Martina Strilic: Zum Beispiel die Landschaft der schwäbischen Alb mit der steinzeitlichen Kulturgeschichte ist schon sehr beeindruckend.

FRIZZ: Würden Sie alles genau noch einmal so machen?
Tobias Schrade: Ja unbedingt! Wenn etwas nicht so gut gelaufen ist, dann ist das einfach eine Erfahrung gewesen die man verwerten kann und kein Grund etwas zu bereuen. Wir sammeln ständig neue Erfahrungen.

FRIZZ: Welches Bild, ganz unabhängig vom Preis, würden Sie sich gerne noch in einem Zimmer aufhängen?
Tobias Schrade: Puh, das gibt es viel mehr als nur ein Bild! Einen Querschnitt durch die Kunstgeschichte fände ich super.

FRIZZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Martina Strilic: Kulturelle Bildung eröffnet neue Welten, sie bietet die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit sich selbst und mit den Künsten, sie reflektiert die Gesellschaft. Es wäre also wünschenswert, wenn wir als Gesellschaft noch viel stärker dafür Sorge tragen, aus öffentlicher wie privater Hand, dass kulturelle Vielfalt stattfinden kann. Die Kulturnation Deutschland sollte Kultur als Staatsziel im Grundgesetz verankern, das wäre einfach ein gutes Signal.