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Stadtgespräch im März


mit Domenico Strazzeri

Domenico Strazzeri, geboren in Italien, arbeitet als Choreograph, Tänzer und Bühnenbildner. Seine Ausbildung erhielt er im Dansarts Ballett Centrum Ulm. Kurz darauf folgten erste Engagements als Tänzer in der Tanzkompanie B.W.Gung in Ulm, in Giessen, Heidelberg, Nürnberg und in der Schweiz. 2001 gründet er die Strado Compagnia Danza in Ulm. Seit 2001 choreographiert er sehr erfolgreich die Kulturnacht, produziert zwei Tanzabende und ein Clownstheaterstück im Stadthaus Ulm.


Domenico StrazzeriFRIZZ: Wann entdeckte der junge Domenico seine Leidenschaft zum Tanz?
Domenico Strazzeri: Schon sehr früh machte ich einen Tanzkurs in der Tanzschule Moldering. Danach schloss ich mich im Alter von sechszehn Jahren einer Jazztanzgruppe an. Im Anschluss daran lernte ich im Dansarts Ballett Centrum Ulm klassisches Ballett und pas de deux. Dort absolvierte ich auch meine Ausbildung zum Tänzer.

FRIZZ: Es war damals ja schon sehr unüblich für einen Jungen zu tanzen und nicht Fußball zu spielen, oder?
Domenico Strazzeri: Das stimmt, aber mir gefiel in der Jazztanzgruppe das Verhältnis. 16 Mädchen/4 Jungen. Natürlich musste ich mir die eine oder andere Unterstellung anhören...

FRIZZ: Wie hat damals deine Familie auf deinen Berufswunsch reagiert?
Domenico Strazzeri: Zuerst machte ich eine Lehre zum KFZ Mechaniker die ich nicht gerade mit Bravour abgeschlossen habe. Das lag einfach an meinem Desinteresse. Schon am ersten Tag wusste ich, das ist nicht meine Welt. Als ich meinen Eltern dann offenbarte, dass ich Tänzer werden will, waren sie alles andere als begeistert. Letztendlich akzeptierten sie meinen Wunsch, aber nicht ohne mich immer wieder auf Alternativen, wie z.B. Busfahrer, aufmerksam zu machen. Heutzutage sind sie sehr stolz auf das Ergebnis.

FRIZZ: Hast du damals an das Tänzer-Dasein geglaubt und gehofft, dass du davon leben kannst?
Domenico Strazzeri: Meine Naivität ließ mich nicht zweifeln. Aber ich war Single und schlug mich nebenbei mit Gelegenheitsjobs durch. Ausserdem hat mein Bruder eine Schlosserei und unterstützte mich damals, wenn es brannte und auch heute noch. Er hilft mir, wenn ich etwas für meine Bühnenbilder brauche. Früher gab er mir viel Sicherheit. Ich wusste, falls es mit dem Tanzen nicht klappt, kann ich immer noch bei ihm arbeiten.

FRIZZ: Du sagtest einmal in einem Interview: "Tanz ist Hochleistungssport, du musst fast schon Freude am Schmerz haben". Hast du Freude am Schmerz?
Domenico Strazzeri: (lacht) Freude daran wäre übertrieben, aber man gewöhnt sich schon an einen gewissen Schmerzpegel, der mit der Zeit immer höher wird. So ist es auch bei Tänzern, die Schmerzgrenze verlagert sich nach oben. Wir Tänzer pushen uns sehr, um das Leistungslevel zu steigern und Schmerzen werden weggedrückt oder einfach nicht wahrgenommen. Mit wachsendem Alter ist der ganze Prozess wieder rückläufig. Man spürt sich schneller und Schmerzen werden intensiver wahrgenommen.

FRIZZ: Hat sich die Belastbarkeit deines Körpers im Laufe der Jahre verändert? Wo "zwickt" es überall?
Domenico Strazzeri: Letztendlich zwickt es mittlerweile gefühlt fast überall. Ich hatte 1989 eine Bänderriss-Operation. Das verfolgt mich bis heute. Die ganze Statik meines Körpers verschob sich. Durch den Hochleistungssport nutzten sich die Gelenke auch schneller ab. Natürlich macht auch mein Rücken mit wachsendem Alter immer mehr Probleme. Ich versuche gerade diesem ganzen Prozess mit einer ambulanten Reha-Maßnahme entgegen zu wirken.

FRIZZ: Was ist die Strado Compagnia Danza?
Domenico Strazzeri: Das ist meine freie Tanzkompanie, die ich für jede neue Aufführung auch neu zusammenstelle. Ich versuche immer wieder mit Leuten zu arbeiten, die ich schon kenne. Zu neuen Projekten kommen aber auch neue Choreografen und Tänzer dazu. Oft gebe ich ein Thema vor und die Choreografen machen sich dazu ihre Gedanken für ein jeweils 15 – 20 minütiges Programm. Bei der Auswahl der Tänzer sind die neuen Medien von Vorteil, da man eine bessere Vorauswahl treffen kann. So ist das auch besser für die Tänzer. Inzwischen schau ich mir Videos von den Einzelnen an und entscheide, wer in die engere Auswahl kommt. Diese lade ich zum Vortanzen ein, um auch die Persönlichkeit kennenzulernen, da es für mich wichtig ist, eine schöne Zusammenarbeit der einzelnen Company Mitglieder zu gewährleisten.

FRIZZ: Wie sind die Arbeitsbedingungen für die Tänzer?
Domenico Strazzeri: Es gibt viele Tänzer und noch mehr Tänzerinnen. Leider  gibt es zu wenig Arbeit für alle. Der Stundenlohn liegt  zwischen 12 und 14 Euro. Viele haben zusätzlich noch andere Jobs zwischen den Projekten . Auch festangestellte Tänzer bei Theatern, die eine deutlich umfangreichere Arbeitszeit haben, bekommen leider nicht genug.

FRIZZ: Gibt es ein Ziel das du mit deiner Kompanie verfolgst?
Domenico Strazzeri: Wir arbeiten mit Hochdruck daran, zu Gastspiele eingeladen zu werden und bei der Tanzbiennale in Heidelberg sind wir in diesem Jahr wieder dabei. Mein Ziel ist es, mit jedem unserer Stücke auf Tournee gehen zu können. Ohne Beziehungen ist das praktisch unmöglich. Ich habe mir in den vergangenen Jahren ein Netzwerk aufgebaut, das jetzt allmählich beginnt, sich auszuzahlen. Es ist aber nach wie vor ein mühsamer Weg.

FRIZZ: Du nanntest deinen aktuellen Tanzabend "Tom wartet – Tom Waits". Ein berühmter Name, der an rauchiges Timbre, Nachtclubs, Rock, Jazz, Melancholie, Schmerz und wildes Leben mit Whiskey und Zigaretten denken lässt. Was hast du mit ihm gemeinsam?
Domenico Strazzeri: Eigentlich geht es mir in erster Linie ums Warten. Wir alle warten immer wieder auf irgendwas. Wir verbringen sehr viel Zeit damit. Uns hat das Wortspiel gereizt: Tom Waits, Tom wartet. Das ist das eigentliche Thema. Tom Waits und seine Musik passen gut dazu.

FRIZZ: Welche Resonanz habt ihr von den Besuchern bekommen?
Domenico Strazzeri: Es hat uns fast umgehauen, wie viel begeisterte Rückmeldungen wir bekommen haben. Die letzte Szene ist ziemlich abgefahren: Man wartet auf irgendwas, geht dann auf eine Party, die wird dort immer ekstatischer, Drogen spielen eine immer größere Rolle und die Situation eskaliert mehr und mehr. Man verliert zunehmend die Kontrolle und am nächsten Tag schaust du in den Spiegel und kannst es nicht fassen. Unsere Darstellung dieser Szene mit tänzerischen Mitteln löste bei den Zuschauern suggestive Bilder aus und überzeugte sie vollends.

FRIZZ: Was ist der größte Unterschied zwischen Tänzer und Choreograph?
Domenico Strazzeri: Ein Choreograph, der tanzen kann, ist im Vorteil. Er kann dann zeigen, was er meint. Auch die Akzeptanz durch die Tänzer ist höher, wenn sie seine tänzerische Kompetenz anerkennen. Unabhängig davon: Der Tänzer setzt seinen Körper ein um die Choreografie umzusetzen. Dabei ergänzen sich Choreograph und Tänzer kreativ.

FRIZZ: Ist Tanzen Kopfarbeit?
Domenico Strazzeri: Ja! Eine Bewegung, die du nicht verstanden hast, kannst du nicht ausführen. Eine neue Bewegung muss eingeübt und im Körpergedächtnis abgespeichert werden. Ohne Konzentration und Verständnis funktioniert das nicht.

FRIZZ: Du hattest Engagements als Tänzer in Gießen, Heidelberg, Nürnberg und der Schweiz. Was zog dich zurück nach Ulm?
Domenico Strazzeri: Auslöser war das Ende einer Beziehung. Wir hatten eine gemeinsame Wohnung in Heilbronn und plötzlich stand ich auf der Straße. Ich bin dann erst mal wieder bei meiner Mutter eingezogen. Bei der Gelegenheit habe ich festgestellt, dass es in Ulm keine freie Kulturszene mehr gab. Meine ersten Schritte als Choreograph hatte ich auch hier gemacht. Also nahm ich Kontakt mit dem Stadthaus auf. Ich habe 2001 die erste Kulturnacht hier gemacht und war von ihrem Erfolg völlig überrascht worden. Das war für mich die Motivation, hier etwas in Angriff zu nehmen.

FRIZZ: Hat jemand wie du, der so in seinem Beruf aufgeht, trotzdem manchmal Zweifel?
Domenico Strazzeri:
Natürlich, ich habe immer wieder Zweifel. Denn wenn eine Produktion schlecht läuft, muss ich trotzdem meine Tänzer bezahlen. Solche Zeiten kenne ich leider auch. Trotzdem habe ich den festen Glauben, dass es immer weiter geht. Das lehrt mich auch meine Geschichte, immerhin mache ich das Ganze jetzt über 30 Jahre. Wenn ich das Vertrauen in mich und meine Arbeit einmal nicht mehr habe, muss ich aufhören, denn dann bekomme ich Angst und das wäre eine schlechte Grundlage für weitere Projekte.

FRIZZ: Welche unerfüllten Ziele hast du noch in beruflicher Hinsicht?
Domenico Strazzeri: Ganz oben steht da, Gastspiele zu machen und auf Tour zu gehen. Ich überlege mir auch oft wie es wäre ein eigenes Theater zu haben, das heißt als Ballettdirektor an einem Theater zu arbeiten. Das hätte natürlich Vor- und Nachteile. Ein großer Vorteil jetzt ist meine Freiheit. Aber so ein sicheres Engagement hätte schon auch einmal seinen Reiz.

FRIZZ: Gab es eigentlich einen Plan B in deinem Leben? Was wäre aus dir ohne Tanz geworden?
Domenico Strazzeri: Nein! Ich habe zwar schon einmal daran gedacht Physiotherapeut zu werden, aber dieses Ziel wäre erstens für mein kaputtes Sprunggelenk nicht zuträglich gewesen, und zweitens war eben das Tanzen meine wirkliche Berufung.

FRIZZ: Wie einträglich ist deine Profession in wirtschaftlicher Sicht? Haus, Yacht, Flugzeug?
Domenico Strazzeri:
Ja, genau in dieser Reihenfolge und auf die Malediven werde ich auch ziehen. Nein, jetzt im Ernst: Wir leben ganz gut, ich kann und will mich nicht beklagen. Immer wieder mal habe ich auch Durststrecken zu verkraften, aber Grund zum Jammern habe ich definitiv nicht. Im Übrigen unterrichte ich ja auch noch, über die Kompanie alleine wäre mein Lebensunterhalt nicht zu bestreiten. Wenn es so weiter läuft, oder gar noch mehr wird, bin ich zufrieden.

FRIZZ: Was gefällt dir in Ulm?
Domenico Strazzeri: Im Sommer finde ich Ulm sehr schön, da kann ab und zu sogar Urlaubsfeeling aufkommen. Auch das Kleine, Beschauliche genieße ich hier, es ist gerade richtig um sich geborgen zu fühlen.

FRIZZ: Wenn du hier etwas verändern könntest?
Domenico Strazzeri: Gerade wenn es schön warm ist, das kommt ja selten genug vor, finde ich die Schließzeiten von Cafés ziemlich übertrieben. Da würde gerne auch mal bis ein Uhr draußen sitzen, das ist in Ulm leider nicht möglich. Sehr schade!

FRIZZ: Du hast drei Wünsche frei?
Domenico Strazzeri: Gesundheit für mich und meine Familie, Erfolg mit der Kompanie und dass mir die Ideen nie ausgehen.

FRIZZ: Wann und wo ist die nächste Aufführung von Dir?
Domenico Strazzeri: Unser nächstes Stück heißt "Kopf bis Fuß", hat im Stadthaus Ulm am 1. August 2018 Premiere und wird bis zum 12. August gespielt. Das werden spannende und sehr vielschichtige Abende, denn ich habe fünf weitere Choreographen für diese Aufführungen eingeladen. Für mich ist das eine kleine Festival-Erweiterung nach Ulm Moves im Juni.