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Stadtgespräch im Mai



Sophie vom CSD Ulm Neu-Ulm

Christopher Street Day (CSD) ist ein Festtag, Gedenktag und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern. Gefeiert und demonstriert wird für die Rechte dieser Gruppen sowie gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Die Bezeichnung Christopher Street Day ist nur in Deutschland und der Schweiz üblich. In Österreich heißt der Umzug Regenbogenparade, in englischsprachigen und romanischen Ländern wird meist von Gay Pride oder Pride Parades gesprochen. Sophie ist im Vorstand des CSD Ulm/Neu-Ulm e.V.


Frizz: Zuerst einmal ein paar Informationen zu dir?

Sophie: Mein Lebensmittelpunkt ist Ulm; ich bin verheiratet. Lange Jahre war ich Leistungssportlerin, baute mir dann mit den dort gesammelten Erfahrungen die berufliche Selbstständigkeit auf und engagierte mich darüber hinaus als Coach und Mediatorin. Hier lege ich besonderen Wert auf die Betreuung von Paaren sowie Schwulen, Lesben und Transgendern und auch deren Coming Out und zudem Mobbing in der Schule und am Arbeitsplatz.

Frizz: Am 12.08.2017 findet der 7. CSD in Ulm/Neu-Ulm statt. Wie lautet das Motto und warum?

Sophie: „Wähle den Moment!“. Da steckt drin: Lebe den Moment! Für jeden Menschen ist es wichtig, für den Moment bereit zu sein – ihn zu leben. In dem Wort „wähle“ steckt, dass ich – egal was ich mache – immer die Wahl habe, wie und wann ich es tue, auch wie ich es präsentiere.

Frizz: Stimmt der Eindruck, dass der CSD in den vergangenen Jahren an politischem Profil gewonnen hat? Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2000er war es ja mehr ein Karneval.

Sophie: Ich habe den Eindruck, dass unsere Gesellschaft in den letzten Jahren immer mehr nach rechts gerückt ist. Dadurch hat die LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender)-Community ein Stück weit an Profil gewonnen. Unser eindeutiges Positionieren gegen diese rückwärtsgewandte Strömung wie auch die Verteidigung unserer Werte und der Errungenschaften der vergangenen Jahre, haben unser Profil geschärft. Nehmen wir beispielsweise die AfD: Für diese Partei stellen wir eher einen Störfaktor dar. Hier ist es für uns wichtig, als Gegenbewegung aufzutreten, also für die Rechte und Werte unserer Community einzutreten. Und lass mich noch kurz auf das Wort Karneval eingehen, das immer wieder mit unserer Community in Verbindung gebracht wird - manchmal auch (leicht) despektierlich. Ich würde eher sagen, es ist nicht ein Karneval, der da stattfindet, sondern vielmehr eine besondere Fähigkeit, Lebensfreude intensiv leben zu können.

Frizz: Die Opfer des Terroranschlags 2016 auf den „Pulse?-Club in Orlando waren Schwule, Lesben und Transgender. Ist es jetzt besonders wichtig, auch in Ulm/Neu-Ulm mit dem Christopher-Street-Day ein Zeichen zu setzen?

Sophie: Es ist immer wichtig mit Opfern, die es in der Szene gegeben hat, solidarisch zu sein und das Zeichen zu setzen: Wir lassen uns von euch, den Attentätern, nicht verdrängen. Auch beim diesjährigen CSD ist es uns wichtig, dass Gedenken an die Opfer ins Programm aufgenommen wird.

Frizz: So eine Parade ist ja Zeichen westlicher Freiheit. Welche Rolle spielt nach den Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate die Sicherheit?

Sophie: Eine Große! Wir wollen, dass sich die Teilnehmer unseres CSD sicher fühlen. Es gibt entsprechende Auflagen der Stadt, die wir erfüllen müssen und wollen. Das ist leider recht teuer.

Frizz: Der CSD ist auch eine große Party mit einem Straßenfest. Wie viele Heterosexuelle kommen da eigentlich?

Sophie: Das Publikum ist sehr gemischt: Ich schätze den Heteroanteil auf etwa 40%. Neugierde spielt dabei eine große Rolle. Auch die Verbundenheit mit der Szene zieht Besucher an; andere wollen vielleicht einfach nur eine Bratwurst essen oder kommen zufällig vorbei und bleiben eine Zeitlang.

Frizz: Die Uni Leipzig kommt in ihrer Studie von 2016 „Die enthemmte Mitte“ zu dem Schluss, dass Homophobie in Deutschland wieder zugenommen hat. Die Prozentzahl derjenigen, die Homosexualität generell für unmoralisch halten, ist von 15,7 auf 24,8 Prozent gestiegen. Sollten sich schwule oder lesbische Pärchen deshalb in der Öffentlichkeit weniger küssen?

Sophie: Hier macht sich wieder der bereits erwähnte Rechtsruck bemerkbar. Veröffentlichungen über neue Gesetze, wie das des US-Bundesstaats Mississippi, nach dem es dort rechtens ist, Menschen aus der Szene zu diskriminieren, oder das im Bundesstaat North-Carolina, nach dem die Menschen nur die öffentliche Toilette aufsuchen dürfen, die ihrem Ursprungsgeschlecht entspricht, tragen dazu bei, die Vorbehalte zu stärken. Auch deshalb sollte man nicht darauf verzichten, das zu leben, was man ist. Meiner Überzeugung nach, entstehen viele psychische Krankheiten dadurch, dass man versucht, seine Natur zu verbergen.

Frizz: Fühlen sich Schwule, Lesben und Transgender auch heutzutage noch unsicher in der Öffentlichkeit?

Sophie: Natürlich gibt es diese Unsicherheit in der gesamten Community, egal ob Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle oder Transsexuelle. Es gibt Paare, die lange verheiratet sind und für die es mittlerweile kein Problem mehr ist. Aber ich kenne andererseits sehr viele, die sich schon schwer damit tun, in der Öffentlichkeit nur Händchen zu halten. Besonders auf Männer trifft das zu, bei Frauen wird es eher akzeptiert und toleriert. Die Männer spüren das, werden vorsichtig und zeigen ihre Gefühle zu wenig. Mich macht das traurig, ich würde mir wünschen, dass diese Menschen mehr zu sich und ihren Gefühlen stehen.

Frizz: Was unterscheidet den Ulmer/Neu-Ulmer CSD von anderen?

Sophie: Ich erlebe den Ulmer CSD als sehr familiär. Das Feeling hier ist einfach phantastisch. Ich erinnere mich an einen Moment im letzten Jahr, als wir Helfer auf der Bühne gestanden sind, alle sich die Hand gegeben haben, innegehalten und den Moment der Ruhe genossen haben. Auf den großen CSDs wie in Stuttgart gibt es so etwas nicht. Auf solchen Massenveranstaltungen ist das nicht möglich. Bei uns werden die Werte noch ganz anders gelebt. Was das angeht, haben wir für den diesjährigen CSD noch einige Überraschungen in petto.

Frizz: Was werden die Highlights sein?

Sophie: Das ist natürlich streng geheim. Es kommen auf jeden Fall tolle Künstler. Wir bereiten außerdem einige Special Events vor, über die ich noch nicht sprechen will, weil sie noch im Entstehen sind.

Frizz: Warum engagierst du dich gerade im Verein CSD Ulm/Neu-Ulm e.V.?

Sophie: Für mich ist das eine Botschaft: Ich will in unserer Gesellschaft für Respekt, Achtung, Toleranz und auch die Vielfalt einstehen. Gerade was die aktuellen Herausforderungen angeht, sind das wichtige Themen. Natürlich spielt auch meine persönliche Situation eine Rolle: Da kann ich einfach so sein, wie ich bin.

Frizz: Was sind eure Ziele?

Sophie: Zunächst einmal, dass es einen CSD gibt, der die Leute berührt und fasziniert und an den sie gerne zurückdenken. Außerdem wollen wir in Zukunft mehr Special Events initiieren, beispielsweise im „Rockside“ oder auch an anderen Orten. Dadurch können wir erreichen, dass die Community wächst. Weil wir davon ausgehen, dass ein Drittel der Bevölkerung lesbisch, schwul, bisexuell, intersexuell, transsexuell oder transgender ist, ist es uns ein Anliegen, dass dieser Bereich hier in Ulm einen höheren Stellenwert bekommt. Unheimlich gerne würden wir einen Regenbogenkalender herausbringen. Die Stadt Ulm will wachsen. Wenn ein Drittel der Bevölkerung aus dem LGBT-Bereich kommt, sollte die Stadt auch für diese Menschen attraktiv sein, indem sie eine lebendige Community antreffen. Dafür stehen wir auch in Verbindung mit der Stadt Ulm ein.

Frizz: Braucht ihr noch Unterstützung rund um den 12. August 2017?

Sophie: Unterstützung brauchen wir immer!

Frizz: Gibt es eine Anlaufstelle, oder wo können sich potentielle Helfer melden?

Sophie: Wir haben eine Facebook-Seite und auf unserer Homepage www.csd-ulm.de gibt es ein Kontaktformular, über das jederzeit entsprechende Angebote gemacht werden können.

Frizz: Wie viele Mitglieder habt ihr?

Sophie: Zurzeit sind es um die Hundert.

Frizz: Weißt du, wie viele Menschen im August erwartet werden?

Sophie: Wir hoffen, dass ungefähr 10.000 Leute kommen.

Frizz: Gibt es da hohe Auflagen von der Stadt?

Sophie: Wie bei jedem großen Event gibt es Sicherheitsauflagen: Absperrgitter, Sicherheitskräfte, Feuerwehr, Sanitätsdienst usw.

Frizz: Habt ihr auch Kontakt zu homosexuellen Flüchtlingen?

Sophie: Ja. Es ist angedacht, einen entsprechenden Verein zu gründen. Die Stadt kam mit diesem Anliegen auf uns zu, aber aus Zeitgründen verzögert sich das Vorhaben noch ein bisschen.

Frizz: Was gefällt dir in unserer Stadt?

Sophie: Ulm ist eine vielschichtige Stadt: mehrere Hochschulen, viel Industrie und Handwerk, abwechslungsreiche Kneipenlandschaft, umfangreiches kulturelles Angebot. Auch ihre Gegensätzlichkeit finde ich attraktiv: Einerseits Herausragendes wie die HfG, Geschwister Scholl und den Christopher Street Day. Andererseits aber auch etwas Erdiges, auf dem vieles einen "guten Stand" hat.

Frizz: Wo siehst du Verbesserungsbedarf?

Sophie: Ganz klar in der Community. Dass die LGBT-Community wächst, ist mein großes Anliegen. Sie soll sich hier mehr etablieren. 

Frizz: Was wünscht du dir für die Zukunft?

Sophie: Bei dieser Frage gerate ich ins Träumen. Ich wünsche mir für die Zukunft einen respektvolleren, achtsameren, toleranteren und auch vielfältigeren Umgang von Menschen und Gruppierungen miteinander, um so Raum schaffen zu können für Gewaltlosigkeit und Frieden.