Logo Frizz Magazin Ulm „Erlebe deine Stadt“ Logo Frizz Magazin Ulm

Stadtgespräch im Mai


mit Tim von Winning

Tim von Winning

Tim von Winning hat Architektur und Städtebau studiert. Berufliche Stationen waren nach einer zwei Jahre langen Tätigkeit in einem freien Büro in Stuttgart: vier Jahre Sachgebietsleiter Projekte im Baudezernat der Stadt Ulm, zwei Jahre Leiter der Stadtplanung in Erlangen, acht Jahre Chef des Stadtplanungsamtes in Tübingen. Im Februar 2015 wurde er zum Ulmer Baubürgermeister gewählt.


FRIZZ: Als Sie die Nachfolge von Alexander Wetzig antraten hatten Sie Vorstellungen und Erwartungen; haben sich diese erfüllt?
Tim von Winning: Ich denke, dass meine Erwartungen und Vorstellungen weitgehend erfüllt wurden. Ich habe eine sehr gut organisierte Verwaltung vorgefunden mit einem breiten Spektrum an spannenden und guten Projekten. Langweilig geworden ist es mir bisher jedenfalls noch nicht.

FRIZZ: Sie fanden viele, schon auf den Weg gebrachte Großprojekte vor. Waren Sie mit allem einverstanden, Sedelhöfe, Straßenbahn…?
Tim von Winning: Die Projekte waren in weiten Teilen vorbereitet und auf einem guten Weg. Ich habe in intensiver Diskussion mit Gemeinderat und der Verwaltung versucht, noch Einzelaspekte, die mir wichtig sind, in die Vorhaben zu integrieren. Das hat in einigen Vorhaben ja durchaus zu relevanten Weiterentwicklungen geführt, die aus meiner Sicht aber nicht die grundsätzliche Richtung in Frage gestellt haben. Gerade im Bereich des Bahnhofs konnten wir aber die Schwerpunkte noch einmal neu sortieren.

FRIZZ: Der Aufschrei ob des befürchteten Chaos im Straßenverkehr wegen der vielen Baustellen war groß. Wie beurteilen Sie diese Situation mittlerweile?
Tim von Winning: Die Beeinträchtigungen sind sicherlich groß und treffen einzelne Verkehrsteilnehmer in hohem Maß. Ich hätte mir gewünscht, dass die Großprojekte Straßenbahn, Tiefgarage und Sedelhöfe nicht alle parallel bearbeitet und umgesetzt werden müssen. Aber oftmals lassen eben auch äußere Rahmenbedingungen Steuerungsmöglichkeiten nur eingeschränkt zu. Die Einbeziehung des Gebäudes Bahnhofplatz 7 in die Projektumsetzung beispielsweise bringt weitere Beeinträchtigungen und fordert von allen einen hohen Zusatzaufwand. Diese Chance auf Verbesserung des Bahnhofumfeldes darf aus meiner Sicht jedoch nicht verpasst werden. Ich finde aber, dass es trotz der umfangreichen Baumaßnahmen durch eine intensive Koordinationsarbeit aller Beteiligten gelungen ist, die städtischen Funktionen so gut wie möglich aufrecht zu erhalten und die Einschränkungen auf einem verträglichen Maß zu halten. Und darüber hinaus sollten wir alle froh sein, dass es mit diesen Projekten gelingt, Ulm im Hinblick auf seine Infrastruktur und Stadtqualität für die nächsten Jahre zukunftsfähig zu machen.

FRIZZ: Im Städteranking punktete Ulm insbesondere mit vielen Wohnungsneubauten. Handelt es sich hierbei mehr um hochpreisigen oder um bezahlbaren Wohnraum?
Tim von Winning: Es geht dabei um beides. Grundsätzlich bedeutet eine breite Erhöhung des Wohnungsangebotes auch eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt. Und hier sind wir sehr froh, dass die Wohnungswirtschaft bei dem Ziel so engagiert mitwirkt. Gerade im Segment des preisgünstigen Wohnungsbaus ist aber eine direkte Einflussnahme der Stadt erforderlich, da der Markt allein in dieser Beziehung nicht ausreicht. So hat der Gemeinderat beschlossen, bei künftigen Baugebieten einen Anteil von 30 % im Bereich des geförderten Wohnungsbaus kleinteilig unterzumischen. Hierbei spielen die UWS und die in Ulm tätigen Genossenschaften eine sehr große Rolle.

FRIZZ: Wie bekommen wir mehr Wohnraum, den sich auch z.B. Familien mit Kindern, Studenten, Alleinerziehende etc. leisten können?
Tim von Winning: Preiswerter Wohnraum hat unterschiedliche Aspekte und Ansatzpunkte. Es geht ja hierbei nicht allein um die reine Miethöhe, auch die Nebenkosten sind dabei relevant. Neben der finanziellen Förderung ist auch die Größe der angebotenen Wohnungen entscheidend. Eine funktional sinnvolle Wohnung mit 10% weniger Fläche bedeutet eben auch eine entsprechend geringere Miete. Dafür sind intelligente Wohnungsgrundrisse gefragt. Wir bemühen uns, bei städtischen Grundstücken, diesem Aspekt bei der Vergabe  einen noch größeren Stellenwert einzuräumen.

FRIZZ: In Städten wie Tübingen, Freiburg oder Berlin haben sich „Baugemeinschaften“ schon etabliert? Wie funktioniert dieses Prinzip?
Tim von Winning: Eine Baugemeinschaft ist eine Form des Bauens, bei der sich mehrere Personen zusammentun, um gemeinsam ein größeres Haus zu erstellen. In der Rechtsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts sind sie dann selbst Bauherr und können viele Entscheidungen individueller und auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet treffen. Das heißt, man kauft nicht eine schlüsselfertige Wohnung, vielmehr erwirbt die Gruppe ein Grundstück, beauftragt einen Architekten und anschließend die entsprechenden Baufirmen. Am Ende wird das Gebäude dann üblicherweise auch als WEG mit eigenem Wohnungseigentum verwaltet.

FRIZZ: Welche Vorteile hat diese Form des Bauens?
Tim von Winning: Als Bauherr ist es sehr viel einfacher, eigene Zielsetzungen direkt bei einem Gebäude zu realisieren. Die individuelle Einflussnahme auf Größe und Gestaltung ist erheblich größer als beim Erwerb einer Immobilie durch einen Bauträger. Darüber hinaus kann man sich im Vorfeld auf die künftigen Hausmitbewohner einstellen und ggf. frühzeitig erkennen, wenn es in der Hausgemeinschaft nicht klappen könnte. Erfahrungen zeigen, dass die Phase des Bauens die Gruppe zu einer guten Gemeinschaft zusammenschweißt.
Der größte Vorteil liegt aber sicherlich darin, dass man zu erheblich günstigeren Konditionen zu Wohnungseigentum kommen kann. Durch Aspekte bei der Grunderwerbssteuer, den Verzicht auf Wagnis und Gewinn eines Bauträgers sowie eigene Steuerungsleistung können damit bis zu 20 % der Kosten eingespart werden. Das ist gerade in so hochpreisigen Immobilienmärkten ein sehr interessanter Aspekt.
Natürlich ist im Gegenzug aber auch ein erhöhter Einsatz zu erbringen und vor allem das Baurisiko selbst zu tragen. Und es ist ein hohes Maß an Kompromissbereitschaft erforderlich, da Entscheidungen zu den gemeinschaftlichen Teilen des Gebäudes immer in der Gruppe entschieden werden müssen.

FRIZZ: Kritiker munkeln, dass schön gelegene Grundstücke im Vorfeld unter der Hand, vergeben werden. Was erwidern sie denjenigen?
Tim von Winning: Wir sind auch wegen der europarechtlichen Vorgaben im Hinblick auf mögliche Diskriminierung von einzelnen Bewerbern derzeit dabei, die Vergabe von Grundstücken etwas neu zu justieren. Wir sind dabei immer bemüht, ein hohes Maß an Transparenz in die Vergabeentscheidungen zu bekommen. Da diese Entscheidungen überwiegend durch den Gemeinderat erfolgen, ist eigentlich eine gute Grundlage für möglichst gerechte Abwägungen gegeben und die ungerechtfertigte Bevorzugung einzelner Personen auszuschließen.

FRIZZ: Werden in Zukunft auch in Ulm Baugemeinschaften eine Rolle spielen?
Tim von Winning: Das Modell ist ja auch in Ulm nicht ganz neu und unerprobt und grundsätzlich als Ergänzung für viele Menschen interessant. Von daher glaube ich, dass Baugemeinschaften das Potenzial haben, eine noch stärkere Rolle bei der Wohnraumentwicklung zu spielen. Von städtischer Seite unterstützen wir Baugemeinschaften in der Gründung durch Information und Beratung und ich würde mich freuen, wenn wir in den anstehenden Baugebieten diesbezüglich viele Interessenten bekommen.
Allerdings sind Baugemeinschaften nur ein Teil der vielen verschiedenen Ansatzpunkte und es braucht in gleicher Weise den sozialen Mietwohnungsbau, die Genossenschaften wie auch das klassische Bauträgergeschäft.

FRIZZ: Die Stadt hat auch kaum freie Flächen in den Gewerbegebieten, wie wollen Sie diesem Mangel begegnen?
Tim von Winning: Hier sind wir tatsächlich auf zusätzliche Flächen angewiesen, da aufgrund vieler Vorbelastungen oftmals eine Wiedernutzung von "gebrauchten" Gewerbeflächen ohne Aufwertung des Grund und Bodens durch eine Erhöhung des Planungsrechtes wirtschaftlich problematisch ist. Neben den großen neuen Flächenentwicklungen im Ulmer Norden werden wir daher auch in bestehenden Gewerbegebieten auf Nachverdichtung von derzeit eher gering genutzten Flächen wie beispielsweise ebenerdige Parkplatzanlagen setzen müssen. Darüber hinaus wird es wichtig sein, Betriebe, die aufgrund ihrer spezifischen Ausprägung mit Wohnen kompatibel sind, eher in innerstädtische Lagen, durchaus auch in Mischung mit anderen Nutzungen zu lenken, um die weniger werdenden reinen Gewerbeflächen den Betrieben vorhalten zu können, die aufgrund der Emissionssituation auf diese Flächen angewiesen sind. Nach meiner Einschätzung ist es künftig notwendig, bei der Ansiedlung insbesondere auf Aspekte wie Arbeitsplatzdichte etc. zu achten und die verbleibenden Flächen sehr konkret für entsprechende Betriebe vorzuhalten. In erster Linie geht es aber vor allem darum, den schon in Ulm ansässigen Firmen in ausreichendem Maß Erweiterungsoptionen zu ermöglichen.

FRIZZ: Was spricht für und was gegen eine „durchmischte Stadt“ in diesem Zusammenhang?
Tim von Winning:
Die durchmischte Stadt hat viele Vorteile. Dies betrifft im Wesentlichen infrastrukturelle Aspekte. Ein eher monostrukturiertes Gebiet wie beispielsweise die Wissenschaftsstadt erfordert aufgrund der eher einseitigen Verkehrsströme (morgens hin, abends weg) große Investitionen, die dann aber nur Teile des Tages ausgelastet sind. Das macht es insgesamt unwirtschaftlich. Durch eine ausgewogene Mischung von Funktionen ist es möglich, alle Infrastrukturen (neben Straßen sind das auch alle anderen Medien wie Gas, Wasser, Abwasser, Glasfaser, aber auch ÖPNV, Gastronomie etc.) deutlich gleichmäßiger auszulasten.
Daneben gibt es in vielen Bereichen eine Veränderung der Arbeitswelt, die eine Nähe zu anderen Einrichtungen (Kinderbetreuung, Nahversorgung, Mittagstisch, Wohnen oder temporäres Wohnen) stärker nachfragt, da die Lebens- und Arbeitsorganisation damit für viele Menschen erheblich einfacher zu bewerkstelligen ist.
Nachteile sind sicherlich dann gegeben, wenn die einzelnen Einrichtungen Auswirkungen aufeinander haben, die die jeweilige Funktion einschränken. Und bei manchen Institutionen ist die direkte Nähe zu gleichförmigen Nutzungen wichtig, um Fortschritte in der Entwicklung zu generieren. So ist beispielsweise im Bereich der Kliniken oder der Forschung eine entsprechende Clusterbildung durchaus von Vorteil, bei der eine Durchmischung, die dann die Abstände zwischen den jeweiligen Einrichtung erhöht, Nachteile mit sich bringen kann.

FRIZZ: Welche Rolle spielen die Teilorte in Ihrer Überlegung?
Tim von Winning: Die Teilorte spielen eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung anderer Wohnformen wie beispielsweise dem Einfamilienhaus. Diese Wohnform ist in der Kernstadt flächenmäßig nicht mehr unterzubringen, die Nachfrage muss daher in den Teilorten gelöst werden. Darüber hinaus bieten sie mit ihrer zum Teil eher dörflicheren Struktur eine andere Form des Zusammenlebens, die eine gute Ergänzung zum Angebot urbanerer Rahmenbedingungen in der Kernstadt darstellt.

FRIZZ: Wie wichtig sind Lärmaktionspläne und Luftreinhaltung in Ulm?
Tim von Winning: Lärm ist inzwischen eine der größten Belastungen für das Leben in Städten und an den diversen Messwerten können wir auch erkennen, dass auch die Luftschadstoffe nicht wirklich relevant zurückgehen. Wenn wir die Stadt als attraktiven und nachgefragten Standort erhalten wollen, sind Lärmschutz und Luftreinhaltung zentrale Zukunftsaufgaben. Ich denke aber, dass wir hier auf einem guten Weg sind, auch wenn es noch viel zu tun gibt. Es werden vermutlich keine schnellen und großen Erfolge erreichbar sein, da unsere kommunalen Eingriffsmöglichkeiten leider nicht allzu groß sind. Ich hoffe dabei auf entschiedene Schritte insbesondere vom Bund, um die Rahmenbedingungen für ein weniger stark emittierendes Verkehrssystem zu setzen.

FRIZZ: Sie sind auch Umweltbürgermeister in Ulm. Was bedeutet für Sie Natur bzw. ist Ulm grün genug?
Tim von Winning: Der Begriff Natur ist extrem vielfältig und individuell sehr emotional besetzt. "Umwelt" beinhaltet dabei sehr viel mehr Aspekte als beispielsweise die oben beschriebenen Themen Lärmschutz und Luftreinhaltung. Wir sind derzeit dabei, zu den Themen Stadtklima und Starkregen entsprechende Grundlagen zusammenzustellen, die eine Ausrichtung unserer Stadtentwicklung an diesen Themen ermöglichen sollen.
Nach meiner Überzeugung haben wir darüber hinaus aber insbesondere eine große Verantwortung im Zusammenhang mit dem Artenschutz. Gerade in Städten ist hier erstaunlicherweise noch eine verhältnismäßig große Vielfalt erhalten, da unsere Landschaft durch ihre agrarische Überformung an vielen Stellen keine ausreichenden spezifischen Lebensräume mehr anbietet. Hier müssen wir - wie in der Vergangenheit schon vielfach praktiziert - durch verschiedene kleinere und größere Maßnahmen innerhalb des bebauten Bereiches, aber auch in der freien Landschaft zusammen mit den Naturschutzorganisationen möglichst viele Projekte initiieren, die die natürlichen  Lebensräume verbessern. Ich denke, dass das für den Erhalt eines attraktiven Lebensumfeldes im Gegenzug zur baulichen Entwicklung eine wichtige Aufgabe darstellt, auch wenn es im Einzelfall natürlich zu Konflikten zwischen verschiedenen Entwicklungszielen kommen kann, die eine Abwägung mit entsprechender Kompromissfindung erforderlich macht.
Grundsätzlich halte ich Grün in der Stadt für einen ganz zentralen Aspekt, den wir bei künftigen Baugebieten durchaus noch intensivieren können. Aber auch in der Kernstadt ist die Pflanzung von zusätzlichen Bäumen, wie beispielweise in der Karlstraße geschehen, von großer Bedeutung für die Verbesserung von Kleinklima und Wohnumfeldqualität.

FRIZZ: Wo setzen Sie Ihre Schwerpunkte in der Grünplanung?
Tim von Winning: Der größte Schwerpunkt im letzten Jahr war sicherlich die Bewerbung um die Landesgartenschau 2030. Sollten wir hier den Zuschlag bekommen, werden wir mit diesem Projekt sowohl die Bundesfestung als ein für Ulm prägendes Bauwerk in ihrer Bedeutung für den Stadtgrundriss deutlicher herausarbeiten können als auch in der dichten westlichen Innenstadt das Freiflächenangebot erheblich vergrößern und aufwerten können. Unabhängig davon geht es aber auch in diesem Bereich darum, die langfristig angelegten Entwicklungen an der Blau und am Donauufer voran zu treiben. Und oftmals sind es kleine Eingriffe, die wie die Stadtgärten im Irrgängle und auf der Stadtmauer am Wengentor oder auch nur einzelne Baumpflanzungen und Flächenumgestaltungen im direkten Lebensumfeld die Bedingungen für Menschen und Tiere verbessern. Ein Schwerpunkt wird auch sein, die Pflege einzelner Flächen so umzustellen, dass die Blühphasen für Insekten und Flora zu größerer Artenvielfalt beitragen können – leider kein ganz kostengünstiges Verfahren.

FRIZZ: Generell: Was muss eine Stadt haben um zukunftsfähig zu sein?
Tim von Winning: Grundsätzlich muss sie attraktiv sein für Menschen, die hier leben und arbeiten. Dazu braucht es ganz wesentlich Arbeitsplätze, die in den Segmenten angesiedelt sind, die auch in vielen Jahren noch nachgefragt sind. Nach meiner Einschätzung ist es ganz wichtig, unsere Strukturen so zu diversifizieren, dass wir nicht von einzelnen Entwicklungen abhängig sind. Wissenschaft und Forschung sind dazu relevante Standbeine.
Wir müssen aber parallel an den sogenannten weichen Faktoren arbeiten. Städte sind dann attraktiv, wenn möglichst viele Bedürfnisse – Arbeit, Wohnbedingungen, Atmosphäre, Freizeit, Naherholung und sozialer Ausgleich – für unsere individualisierte Gesellschaft erfüllbar sind. Das beinhaltet viel mehr als die reinen baulichen Aspekte und ist nur durch gemeinschaftliche Anstrengung der gesamten Gesellschaft erreichbar.

FRIZZ: Boris Palmer hat über Sie gesagt,  ein typischer Von-Winning-Satz beginne mit „Wir haben das Gefühl“. Das habe Wärme, Verständnis und Offenheit signalisiert. Wie hilfreich sind diese Eigenschaften in Ihrem jetzigen Aufgabengebiet?
Tim von Winning: Ich bin der festen Überzeugung, dass eine gute Entwicklung unserer Stadt nur durch ein Zusammenwirken der verschiedenen Akteure und durch kluges und verantwortliches Abwägen aller Belange möglich ist. Dafür ist es erforderlich, die verschiedenen Belange auf Augenhöhe und mit Respekt zu diskutieren. Habermas hat einmal gesagt, ein echtes Gespräch setzt voraus, dass der Andere Recht haben könnte. Ich bemühe mich, dies als Grundsatz für alle kommunikativen Prozesse innerhalb und außerhalb der Verwaltung zu berücksichtigen.
Nichtsdestotrotz ist es natürlich in der Position als Bürgermeister erforderlich, an bestimmten Stellen klare und deutliche Rahmenbedingungen zu definieren. Wichtig finde ich aber, dass ein respektvoller Umgang bei allen möglichen Differenzen nicht verlassen wird.

FRIZZ: Ein Tübinger Professor meinte neulich, Tübingen ist die größte nicht überdachte Waldorfschule Deutschlands. Fehlt Ihnen dieses Flair in Ulm?
Tim von Winning: Nicht in diesem so umfassend und sicherlich etwas provozierend formulierten Sinne. Allerdings gibt es in Tübingen eine große Anzahl Menschen, die sich ehrlich und aus Überzeugung für das Gemeinwohl einsetzen und dafür Zeit und Engagement investieren. Und das sind Menschen, die für das Zusammenleben in einer Stadt von ganz großer Bedeutung sind. Natürlich gibt es diese Menschen in Ulm auch. Ich denke aber, dass dieser Grundkonsens, Gemeinwohlinteressen gegenüber der Durchsetzung von individuellen Vorteilen einen größeren Stellenwert einzuräumen, für die hohe Lebensqualität in Tübingen eine große Rolle spielt.

FRIZZ: Haben Sie sich mittlerweile hier eingelebt?
Tim von Winning: Ich denke, dass meine Familie inzwischen gut in Ulm angekommen ist. Wir leben in der Neustadt in einem gut durchmischten lebendigen Quartier und genießen die vielen Angebote und die hohe Qualität der kurzen Wege in der Stadt. Das Ankommen wurde sicherlich durch unsere Zeit in Ulm Anfang der 2000er-Jahre erleichtert, bei der wir mit unserer kleinen Tochter im Wengenviertel gelebt haben. Aus dieser Zeit stammen noch viele schöne Freundschaften und die Stadt war für uns damit nicht gänzlich neu.

FRIZZ: Wie finden Sie das kulturelle Angebot in unserer Stadt?
Tim von Winning: Ich bin sehr positiv überrascht über die Qualitäten des Theaters Ulm, insbesondere das Ballett hat sich aus meiner Sicht seit unserem letzten Aufenthalt extrem verbessert. Aber auch die vielen Angebote durch Ulmer Zelt und Roxy, dessen Fördermitglied ich inzwischen bin und sehr für weitere Mitglieder werben möchte, bieten uns mehr Möglichkeiten, als ich überhaupt in Anspruch nehmen kann. Insgesamt würde ich mir vielleicht ein paar mehr Orte wünschen, an denen auch nicht etablierte soziokulturelle Angebote eine Chance hätten.

FRIZZ: Sie haben ein sehr komplexes Tätigkeitsfeld. Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei Ihnen aus?
Tim von Winning: Da ein wesentlicher Teil meiner Arbeit aus Kommunikation, Abstimmung und Steuerung besteht, spiegelt das auch mein Kalender wider. Ich befinde mich eigentlich von morgens bis abends in Terminen zu den unterschiedlichsten Themen, oftmals fortgesetzt in den Abend bei öffentlichen Veranstaltungen oder Sitzungen von gemeinderätlichen oder anderen Gremien. Wenn ich es schaffe, freue ich mich, wenn ich zumindest das Abendessen mit der Familie verbringen kann, meist lese ich dann zusammen mit meinem Sohn Bücher, die uns gemeinsam interessieren und die er vermutlich allein nicht lesen würde (so wie ich vermutlich auch nicht). Danach bin ich meist nach einer Zeit der „Familiendienstleistung“ (Wäsche / Küche) noch mit der Aufarbeitung und Beantwortung des täglichen Maileinganges beschäftigt. Und vor dem Schlafen versuche ich immer, zumindest noch eine kurze Zeit etwas zu lesen, das völlig fachunabhängig ist und den Kopf wieder etwas gerade rückt.

FRIZZ: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Tim von Winning: Da gibt es viele, sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Ich treffe sehr gern Freunde beispielsweise bei einem guten Essen, das ich gern auch selbst zubereite. Ansonsten brauche ich die Berge in unterschiedlichen Formen, sei es zum Wandern im Sommer, zum Skifahren im Winter und insbesondere zum Skitourengehen, für das ich üblicherweise jedes Jahr auch eine Woche reserviere. Anfang April haben wir gerade im zweiten Anlauf eine Durchquerung der Urner Alpen von Realp nach Engelberg, die sogenannte Urner Haute-Route, geschafft. Dort kann ich am besten und weitgehendsten abschalten. Ich besuche aber auch gern Städte und lasse mich von deren Eigenheiten und Besonderheiten treiben.

FRIZZ: Drei Dinge, die sie Ihnen in Ulm besonders gefallen?
Tim von Winning: Der Münsterplatz, da es wenige Städte gibt, die einen solch identitätsstiftenden Ort haben.
Die Donau als immerwährende Erinnerung, dass es viele andere große Städte gibt, mit denen wir verbunden sind und natürlich als innerstädtischer Freiraum.
Die Bereitschaft der Ulmer Bürgerschaft und des Gemeinderates, auch große Veränderungen anzugehen und in die Zukunftsfähigkeit der Stadt zu investieren.

FRIZZ: Drei Dinge, die Sie gerne verbessern würden?
Tim von Winning: Das Mobilitätsverhalten, um die Lebensbedingungen in der Stadt zu erhöhen.
Ein stärkeres Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Schicht und Meinung.
Mehr attraktive öffentliche Räume für das Lebensumfeld der Menschen.

FRIZZ: Sie haben drei Wünsche frei….?
Tim von Winning: Zuallererst Gesundheit für meine Familie, dass wir das Zusammenleben auf diesem Planeten etwas friedvoller gestalten können und dass wir für diese Stadt die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen.