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Stadtgespräch im Juni


mit Kathrin Thumerer


Sieben Wochen Kultur am Stück, jeden Sommer seit 1987 in der Ulmer Friedrichsau, das ist das Ulmer Zelt: Rock und Pop, Klassik und A Cappella, Indie, Folk und Weltmusik, Kabarett und Comedy, Theater, Tanz und Varieté. Alles handverlesen und auf internationalem Niveau. Dazu kommt jede Menge kostenlose Unterhaltung für Kids und ein Rahmenprogramm mit Bands aus der Region, Jazzfrühschoppen, Flohmärkten, Clowns und Akrobaten. Kathrin Thumerer leitet die Bereiche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Sponsoring.


Kathrin Thumerer vom Ulmer ZeltFRIZZ: Die Frage: „Was ist das Ulmer Zelt“, beantwortest du wie?
Kathrin Thumerer: Das Ulmer Zelt ist ein einzigartiges Kulturspektakel und im Ulmer Frühling und Sommer der Treffpunkt für Groß und Klein. Auf der großen Bühne sorgen handverlesene Künstler aus Rock, Pop, Indie, Jazz, Blues, Folk, Hip Hop, Kabarett, Comedy, Tanz und Varieté für besondere Zelt-Momente. Organisiert wird das Festival durch den Verein zur Förderung der freien Kultur e.V., sprich: Neben den vier hauptamtlichen Mitarbeitern sind es vor allem die vielen Ehrenamtlichen, die sich mit viel Engagement um die Künstler kümmern, ein grandioses und kostenloses Kinderprogramm auf die Beine stellen, den Biergarten betreiben und in technischen und logistischen Fragen für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Das macht uns so besonders und hat sich in den letzten 32. Spielzeiten bewährt. Denn nicht nur die Besucher genießen die Mischung aus Weltstars, Newcomern, Lokalmatadoren, Flohmärkten, Kinderprogramm und Biergarten, sondern auch die Künstler fühlen sich sehr wohl und kommen nach ihrem ersten Auftritt bei uns sehr gerne wieder ins Zelt.

FRIZZ: Bist du mit dem Programm 2018 zufrieden?
Kathrin Thumerer: Ja, absolut! Die Mischung aus Stars, Neuentdeckungen und Geheimtipps ist wieder sehr gut gelungen. Da ist für jeden was dabei.

FRIZZ: Was macht überhaupt ein gutes Programm aus?
Kathrin Thumerer: Vielfalt wird in Ulm groß geschrieben und das spiegelt das Ulmer Zelt wider: Wir versuchen möglichst viele Genres abzudecken und erlauben uns dabei neben den großen Namen auch besonderen Künstlern, wie etwa dieses Jahr Meret Becker oder Bassekou Kouyate - Joachim Kühn - Majid Bekkas - Gary Husband mit ihrem Projekt "Crossroads 3000" eine Bühne zu bieten. Das ist ja quasi schon in unserem Vereinsnamen mit der "freien Kultur" festgeschrieben. Die Qualität der Veranstaltungen steht bei der Auswahl aber immer im Mittelpunkt.

FRIZZ: Die Abende im Ulmer Zelt sind für viele unvergesslich. Die Atmosphäre ist einzigartig. Hat sich das mittlerweile bei den Künstlern und Agenturen herum gesprochen?
Kathrin Thumerer: Gewiss. Die Künstler genießen das besondere Zelt-Feeling sehr, lieben das Ulmer Publikum und wollen meist sofort wieder kommen. Einige haben sogar noch ein paar Tage länger bei uns verbracht, um „Urlaub“ zu machen.

FRIZZ: Bekommt ihr viele Anfragen von Kulturschaffenden, die gerne einmal bei euch auftreten möchten?
Kathrin Thumerer: Natürlich, in der Regel läuft das Booking aber zwischen den Künstleragenturen und meinem Kollegen Jan Ilg ab. Lokale Bands können sich für unsere kleine Bühne in der Zeltlounge unter zeltlounge@ulmerzelt.de bewerben.

FRIZZ: Immer wieder treten auch Künstler mit "großen Namen" im Zelt auf? Wie schafft ihr es, diese für Ulm zu gewinnen?
Kathrin Thumerer: Da spielen natürlich gute Beziehungen zu den Bookern, ein Quäntchen Glück und v.a. der gute Name des Ulmer Zelts eine ausschlaggebende Rolle. Bei Kris Kristofferson war es etwa ein Foto von unserem schönen Festivalgelände, das entscheidend war.

FRIZZ: Was macht deiner Meinung nach eine gute Band aus?
Kathrin Thumerer: Zunächst natürlich richtig gute Musiker mit eigenem Stil, gutem Gespür fürs Publikum, viel Enthusiasmus und Spielfreude.

FRIZZ: Mit Hagen Rether zum Beispiel, der ja Stammgast auf eurer Bühne ist, wird das Programm sehr politisch. Wie wichtig ist gerade so ein Abend in der heutigen Zeit?
Kathrin Thumerer: Kabarett ist ein wichtiger Bestandteil unseres Programms und wir freuen uns sehr, dass Hagen Rether uns schon so lange treu ist, denn sein hintersinniges, stets aktuelles und sehr politisches Programm kommt bei uns und unserem Publikum sehr gut an. Er beschäftigt sich mit Strippenziehern und Abhängigkeiten. Dabei deckt er die Doppelmoral der Gesellschaft - zwischen erhobenem Zeigefinger und Komfortzone, wirschaftlichem Nutzen und sozialen Problemen – auf. Daher halte ich diesen Abend für sehr relevant und wichtig.

FRIZZ: Finden junge Leute das Zeltfestival interessant? Was bietet ihr ihnen?
Kathrin Thumerer: In den letzten Jahren ist unser Programm jünger geworden. Namika, Kontra K und Die Orsons sind nur einige Beispiele dafür. Dieses Jahr erwarten wir u.a. bei Skinny Lister, Asaf Avidan, Donots, Dunkelbunt und Tim Vantol ein jüngeres Publikum. Egal welche Altersklasse: Alle unsere Besucher genießen den Biergarten als Treffpunkt nach Schule, Uni oder Arbeit.

FRIZZ: Wie viele Veranstaltungen spielt ihr in einer Saison?
Kathrin Thumerer: Dieses Jahr haben wir 71 Veranstaltungen, davon 35 auf der Hauptbühne, 18 im Rahmenprogramm und 18 im Kinderprogramm. In der Regel sind Montage und Dienstage unser spielfreies Zelt-Wochenende, manchmal finden wir dann aber doch mehr Veranstaltungen, die wir unbedingt in den sieben Wochen unterbringen wollen.

FRIZZ: Ihr habt eine Programmgruppe? Aus wie vielen Leuten besteht sie?
Kathrin Thumerer: Derzeit beschäftigen sich acht Personen mit dem Abendprogramm auf der Hauptbühne. Sie hören und sehen sich unzählige Künstler an, diskutieren und entscheiden. Daneben gibt es ebenso engagierte Teams für das Lounge- und Kinderprogramm.

FRIZZ: Wird viel basisdemokratisch diskutiert bis die Entscheidung für eine Band fällt?
Kathrin Thumerer:
Inzwischen werden die meisten Entscheidungen im Zelt kompetenzdemokraktisch entschieden. Das bedeutet, dass die Gruppe, die sich mit den Künstlern beschäftigt auch darüber entscheidet, wer gebucht wird. Diskussionen sind dennoch wichtig, denn wir wollen nicht nur Qualität, sondern auch möglichst für jeden Geschmack etwas bieten.

FRIZZ: In dieser Spielzeit habt ihr mit Meret Becker und Jan Josef Liefers zwei Tatortkommissare mit ihren jeweiligen Projekten gebucht. Ist die Prominenz der Beiden ein Publikumsmagnet?
Kathrin Thumerer: Das spielt beim Kartenkauf bestimmt auch eine Rolle. Viele Zeltfans informieren sich aber auch über unser Programm, Videoportale und unsere Mitarbeiter am Vorverkaufswagen, um sich einen Eindruck von Acts zu machen, die ihnen noch nicht bekannt sind. Neben den großen Namen sind gerade auch diese Veranstaltungen die heimlichen Publikumslieblinge.

FRIZZ: Was sind denn deine Highlights in der diesjährigen Spielzeit?
Kathrin Thumerer: Das ist wie immer eine schwierige Frage. Jede Veranstaltung hat ihren Reiz. Meist überraschen mich jene Künstler, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Bereits jetzt ist die Liste aber lang: Torpus & The Art Directors habe ich bereits zweimal im Zelt erlebt und war begeistert, Tim Vantol erinnert mich mit seinem kernigen Sound an Frank Turner, für Skinny Lister, Donots und Dunkelbunt ist mein Tanzbein schon bereit. Die fantastische Liedermacher Gisbert zu Knyphausen und Anna Depenbusch sorgen bestimmt für einen wunderschönen Zeltabend, Meret Becker verspricht eine schräge Show irgendwo zwischen Musik und Kleinkunst und mit 5 Sterne deluxe stehen Helden meiner Jugend auf der Zeltbühne. Daneben freue ich mich unter anderem sehr auf das israelische Stimmwunder Asaf Avidan, bekannt durch seinen Song „One Day“, den virtuosen Marcus Miller und den Indie Blues-Musiker Jesper Munk!

FRIZZ: Wird sich etwas bei der Außenbewirtung verändern oder setzt ihr auf das Altbewährte?
Kathrin Thumerer: Den Getränkeausschank machen wir wie seit Jahren bewährt wieder selbst. Ebenfalls wieder dabei sind Hexabeck, Cheeers und Adam & Eve’s. Und neu in der Runde unserer Gastronomen ist Portico Italian Street Food. Auch beim Essen geht es also wieder bunt zu.

FRIZZ: Spielt die Fußball Weltmeisterschaft bei euch eine Rolle?
Kathrin Thumerer: Nein, das würde unseren Rahmen sprengen. Die Spiele liegen außerdem fast immer vor unseren Veranstaltungen. Wer will, kann also erst zum Fußball und anschließend zu uns zum Konzert oder in den Biergarten kommen.

FRIZZ: Ihr arbeitet hauptsächlich mit Ehrenamtlichen. Wie viele habt ihr denn mittlerweile? Ist es schwierig Neue zu gewinnen?
Kathrin Thumerer: Unter dem Jahr engagieren sich ca. 50 Frauen und Männer ehrenamtlich im Zelt. Während des Aufbaus und der Spielzeit wächst die Zahl dann auf rund 190 ehrenamtliche Mitarbeiter und Helfer, inklusive der Ordner, die begeistert mitmachen. Über Nachwuchssorgen müssen wir momentan noch nicht klagen, freuen uns aber über neue Interessenten.

FRIZZ: Wie viele hauptamtliche Mitarbeiter sind bei euch beschäftigt?
Kathrin Thumerer: Wir sind zu viert: Elke Merk organisiert die Gastronomie, Oliver Glinka den logistischen Ablauf, Jan Ilg ist Künstlerischer Leiter und ich kümmere mich um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Sponsoring.

FRIZZ: Es gibt den Förderverein, Freunde des Ulmer Zelts e.V., wie funktioniert der?
Kathrin Thumerer: Der Förderverein ist ein eigenständiger Verein, der das Ulmer Zelt inzwischen seit 26 Jahren zuverlässig mit einer großen Finanzspritze unterstützt. Mitmachen kann jeder mit einer Spende von mindestens 50 Euro (ermäßigt 25 Euro) pro Jahr. Dafür erhalten die Spender die Möglichkeit Tickets im vorgezogenen Vorverkauf zu erwerben.

FRIZZ: Ihr werdet von der Stadt Ulm und auch vom Land bezuschusst, um welche Summen geht es dabei?
Kathrin Thumerer: Die Zuschüsse von Stadt und Land sind sehr wichtig für unseren Spielbetrieb. Im vergangenen Jahr hat uns die Stadt Ulm mit 1,45 Euro pro Besucher im Abend-, Kinder- und Rahmenprogramm gefördert. Das sind insgesamt 52.300 Euro. Hinzu kommen 25.000 Euro als Zuwendung vom Land Baden-Württemberg.

FRIZZ: Wie steht ihr überhaupt finanziell da? Könntet ihr euch viele Flops leisten?
Kathrin Thumerer: Unsere letzten drei Spielzeiten waren sehr erfolgreich. 2017 besuchten ca. 91.000 Besucher unser Festivalgelände. Bedingt durch Rote Zahlen in der Spielzeit 2013 hat sich ein Investitionsstau gebildet, den das Ulmer Zelt seit 2015 Stück für Stück abträgt. Die Spielzeit 2017 haben wir daher mit einer Schwarzen Null beendet und sind damit sehr zufrieden. Für die Zukunft wünschen wir uns natürlich weiterhin mindestens ebenso viel Erfolg. Dennoch muss nicht jede Veranstaltung ausverkauft sein, die „freie Kultur“ ist eben auch was für Feinschmecker.

FRIZZ: Sponsoring ist auch ein Thema bei euch. Ist es schwierig Unterstützer zu bekommen oder haben Ulmer Firmen etc. ein Herz für Kultur?
Kathrin Thumerer: Zum Glück gibt es in Ulm, Neu-Ulm und der Region Unternehmer, die sich mit Leidenschaft für Kultur einsetzen und wissen, wie wichtig ein buntes Kulturleben für den Standort und die Attraktivität der Stadt sind. Für das Ulmer Zelt ist Sponsoring ein wichtiges Standbein: Nur durch Spenden, Zuschüsse und Sponsoringgelder können wir unser hochwertiges Programm zu guten Preisen und viele kostenlose Veranstaltungen etwa für Kinder anbieten. Viele unserer Sponsoren bleiben uns Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte treu. Das liegt wohl daran, dass sie, ihre Mitarbeiter und Kunden sich bei uns so wohl fühlen und ihre Werbung bei uns gesehen wird. Über neue Sponsoren freuen wir uns immer. Natürlich steckt dahinter auch viel Arbeit, aber das gehört dazu.

FRIZZ: Du bist studierte Kunsthistorikerin, wie kam es denn zu deiner Arbeit im Ulmer Zelt?
Kathrin Thumerer:
Nach meinem Volontariat im Museum Ulm suchte ich nach einer neuen Aufgabe im Kulturbereich. Die Inhalte von Museum und Festival sind natürlich sehr unterschiedlich, die Aufgabenbereiche ähneln sich jedoch. Und da ich das Zelt seit Kindesbeinen als begeisterte Besucherin kenne, war ich Feuer und Flamme, als ich die Ausschreibung entdeckte und habe mich sehr gefreut, dass es geklappt hat.

FRIZZ: Hast du nach der Spielzeit erst einmal ein halbes Jahr Urlaub?
Kathrin Thumerer: (lacht)Nein, nach der Spielzeit ist vor der Spielzeit. Aber im Sommer haben wir Hauptamtlichen die Gelegenheit Überstunden abzubauen und Urlaub zu nehmen. Im Herbst beginnen dann schon die Planungen für 2019!

FRIZZ: Wie sieht ein typischer Tagesablauf bei dir aus?
Kathrin Thumerer: Das kommt ganz auf die Jahreszeit an: Während es im Herbst und Winter vor allem um Sponsoring, Verträge und Konzeptionelles geht, sind im Frühjahr unzählige Werbemedien (Kino & Busspot, Banner, Plakate), Drucksachen (Programmhefte, Flyer, Postkarten, Zeitungsbeilagen, Tickets, Wertgutscheine, Ticketmappen) und Onlineportale an der Reihe. De facto bedeutet das Texte schreiben, Korrekturlesen, Aufträge erteilen, Absprachen treffen. Im Sommer gleicht kaum ein Tag dem anderen. Die Bearbeitung aktueller Presse- und Besucheranfragen, Posts auf Facebook und der Homepage, Verfassen von Newslettern, aber auch die Kontaktpflege zu Sponsoren, Medienpartnern, dem Freundeverein und den Besuchern gehören dazu. Zwischen VIP-Events und Filmdrehs fürs Fernsehen wird es quasi nie langweilig.

FRIZZ: Wenn du die Wahl hättest, welche drei Künstler würdest du dir für eure Bühne wünschen?
Kathrin Thumerer: Mit Torpus & The Art Directors, Dunkelbunt und 5 Sterne deluxe wurden mir dieses Jahr schon drei heimliche Wünsche erfüllt. Mit der Liste für die nächste Saison beginne ich erst nach dieser Spielzeit.

FRIZZ: Wie verbringst du deine Freizeit?
Kathrin Thumerer: Am liebsten mit Freunden und der Familie. Außerdem konsumiere ich leidenschaftlich Kulturangebote und bin begeisterte Selbermacherin, Holz und Textil haben es mir besonders angetan. Schwimmen, Reisen und Kochen will ich aber auch nicht missen.

FRIZZ: Drei Plätze in Ulm, die dir besonders gefallen?
Kathrin Thumerer:
1. Die Friedrichsau während der Zeltzeit: Leuchtende Besucheraugen, lachende Kinder, freundliche Menschen und viel Kultur.
2. Das Museum Ulm und das HfG-Archiv: Dort gibt es immer etwas zu entdecken und es ist ein weiterer Ankerpunkt für mich.
3. Der Ulmer Höhenweg: Für mich bietet er den besten Ausblick auf unsere schöne Stadt.

FRIZZ: Die drei größten Herausforderungen für euer Team?
Kathrin Thumerer: (lacht)Wetter, Wetter, Wetter.

FRIZZ: Du hättest drei Wünsche frei…?
Kathrin Thumerer:
1. Zahlreiche glückliche Festivalbesucher.
2. Gutes Wetter.
3. Eine erfolgreiche Spielzeit.