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Stadtgespräch im Februar


Kay Metzger - Intendant des Theater Ulm


Das Theater Ulm, gegründet 1641, gilt als das älteste städtische Theater Deutschlands. Heute wird es als Mehrspartenhaus mit eigenen Ensembles für Oper/Operette, Schauspiel und Tanztheater betrieben. Bis 2006 hieß das Haus Ulmer Theater. Das Gebäude am Herbert-von-Karajan-Platz 1 wurde von 1966 bis 1969 nach Plänen des Architekten Fritz Schäfer errichtet und am 3. Oktober 1969 eröffnet. Intendant seit der Spielzeit 2018/2019 ist Kay Metzger.



FRIZZ: Ganz ehrlich: Als Sie das erste Mal beim Ulmer Theater hinter die Kulissen geschaut haben, was war Ihr erste Gedanke: „Oh je“ oder „Hurra“?
Kay Metzger: Eindeutig: „Hurra“! Das Theater ist gut in Schuss, die Stadt Ulm hatte in den letzten Jahren viel ins Haus investiert, so dass die Arbeitsbedingungen gut sind. Der Bühnenbereich, die technischen Möglichkeiten, die Werkstätten - das alles hat sofort einen guten Eindruck bei mir hinterlassen, und die zuständigen Teams sind prima!

FRIZZ: Seit 1999 sind Sie durchgängig Intendant. Können Sie sagen, welche Schritte Ihrer Karriere die wichtigsten waren?
Kay Metzger: Meine Karriere habe ich nicht geplant, ich hatte viel Glück. Als ich meine erste Intendanz übernahm, war das natürlich ein bedeutender Schritt, weil man plötzlich auf dem Karussell sitzt. Aber blicken wir weiter zurück, da war dann vor allem während des Studiums die Begegnung mit dem großen Theatermann August Everding ganz prägend, dem ich mehrfach assistieren durfte und der mich bis zu seinem Tod freundschaftlich beriet und förderte.

FRIZZ: Vier Jahre lang waren sie freischaffender Regisseur aller Sparten mit über 20 Inszenierungen? Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit und welche Aufführungen waren besonders eindrucksvoll?
Kay Metzger: Oh, das liegt nun so weit zurück. Wichtig war damals, dass zwei Intendanten mich als jungen Spund gefördert und kontinuierlich engagiert haben: das waren Ernst Seiltgen in Ingolstadt und Klaus Schlette in Landshut/Passau. Unvergesslich bleibt mir Polen: in Warschau durfte ich mit Everding den „Ring“ von Richard Wagner machen, in Krakau inszenierte ich den Doppelabend „Cavalleria rusticana“ und „I Pagliacci“ und in Danzig „Aida“. Tolle Menschen, tolle Künstler und wunderbare Städte.

FRIZZ: Sie sind seit 2018 Intendant des Theaters Ulm. Was ist dort Ihre Aufgabe?
Kay Metzger: Kurz gesagt: alles, was den künstlerischen Bereich betrifft. Das Engagement von Künstlerinnen und Künstlern, die Spielplangestaltung, die Besetzungen usw. Das geschieht natürlich im Team mit dem Generalmusikdirektor, dem Chefdramaturgen und den Spartenleitern. Und ein Intendant ist auch Repräsentant des Theaters und stellt sich immer wieder der Öffentlichkeit, wie jetzt gerade hier im Interview.

FRIZZ: Hatten oder haben Sie eigentlich Verbindungen zu Ulm oder zum hiesigen Theater, kannten Sie Künstler oder Mitarbeiter, oder hatten Sie sich ihr Wissen über das, was hier in den vergangenen Jahren passiert ist, angelesen?
Kay Metzger: Teils, teils. Das Ulmer Theater hatte ich vor Jahren bereits zweimal besucht. Als ich die Ausschreibung las, habe ich Kollegen angerufen, die früher in Ulm engagiert waren, und mich nach allem erkundigt. Die erste Reaktion am Telefon war jedes Mal: Ulm ist toll, da musst Du hin! Natürlich habe ich zur Vorbereitung viel recherchiert und Fachleute befragt. Andreas von Studnitz hat mich nach meiner Wahl bereitwillig über alle Dinge informiert und kollegial unterstützt.

FRIZZ: Sie punkteten bei Ihrer Wahl mit vielversprechenden Ankündigungen. Etwa damit, „80 Prozent plus X Auslastung“ erreichen zu wollen. Wie realistisch sind diese Pläne und wie wollen Sie diese erreichen?
Kay Metzger: Die Qualität eines Theaters darf man nicht allein an Auslastungszahlen messen. Wichtig ist mir gerade in dieser Anfangszeit, Vertrauen zu schaffen und Begeisterung zu wecken. Da sind wir auf einem guten Weg. Das Publikum ist neugierig auf den Spielplan und hat die neuen Gesichter in den Ensembles mit Begeisterung aufgenommen - man denke nur an die neue Tanztheatercompagnie unter Reiner Feistel. Die Identifikation mit all denen auf der Bühne ist entscheidend für die Publikumsbindung. Deshalb haben wir ja auch den Theaterpreis gemeinsam mit den Theaterfreunden und der Südwest Presse ausgelobt, der am 6. Juli 2019 verliehen wird. Wie und wann sich das dann in Zahlen niederschlägt, wird man sehen.

FRIZZ: Hat Kunst eine höhere Aufgabe als publikumskompatibel zu sein, oder ist „Theater fürs Publikum“ auch ein Mittel der Wahl, um die Besucherzahlen zu steigern?
Kay Metzger: Die Mischung muss stimmen. Wertige Unterhaltung ist nicht verboten, der inhaltliche Diskurs darf nicht zu kurz kommen, und der Mut, neue Spielformen und szenische Experimente zu wagen, gehört unbedingt dazu.

FRIZZ: Gibt es schon Beobachtungen ihrerseits zu den Ulmer Theaterbesuchern: Wissen Sie mittlerweile, wie sie „ticken“?
Kay Metzger: So weit bin ich, ehrlich gesagt, noch nicht. Aber eins steht fest: Das Theater Ulm genießt einen hohen Stellenwert in Stadt und Region. Das habe ich schon bei meiner Wahl gespürt, und das ist wichtig für die Theaterarbeit. Das Ulmer Publikum lässt sich begeistern, es will informiert sein, was man beispielsweise schon bei den gut besuchten Einführungsmatineen deutlich spürt.

FRIZZ: Was wäre eine gute Gästebilanz?
Kay Metzger: 100 Prozent wären suspekt, 60 Prozent wären zu wenig. Also, mit knapp 80 Prozent läge man gut. Das ist aber ein hartes Stück Arbeit - und diese Arbeit beginnt jede Spielzeit von vorne.

FRIZZ: Sie wollen das Haus wieder zu einem Entdecker-Theater für junge Talente machen? Haben Sie dazu schon konkrete Pläne?
Kay Metzger: Natürlich. Es gibt in allen Sparten junge Künstlerinnen und Künstler, die Anlass zu großen Hoffnungen geben. Hier die Talente zu fördern, ist unser großes Ziel. Wichtig ist, dass sich junge Menschen hier erproben dürfen, z.B. erhalten Regieassistentinnen und -assistenten in der Regel die Möglichkeit, eigene Inszenierungen zu erarbeiten. Nur wenn man Chancen bietet, können Talente entdeckt werden. Das birgt natürlich auch Risiken, die ich aber gerne in Kauf nehme.

FRIZZ: Das Publikum erwartet von einer neuen Intendanz auch neue Impulse und neue Gesichter. Welche Veränderungen gehen oder gingen unter Ihrer Leitung vonstatten?
Kay Metzger: Der Intendantenwechsel verlief recht behutsam, so dass es eine gute Mischung aus bewährten und beliebten Künstlerinnen und Künstlern und neuen Ensemblemitgliedern gibt. Der Spielplan ist etwas anders akzentuiert, neue Regieteams setzen unerwartete ästhetische Impulse wie beispielsweise bei „My Fair Lady“. Großen Wert haben wir auf generationsübergreifende Inszenierungen gelegt, um hier noch offensiver agieren zu können. Es gibt zahlreiche neue Formate und innerstädtische Kooperationen wie „Vis-à-vis“ in Zusammenarbeit mit den Kirchen, die Lesereihe „Wort-Reich“ in der Kulturbuchhandlung Jastram und „Literatur unter den Dächern der Stadt“ mit der Buchhandlung Aegis, um nur einige Beispiele zu nennen. Damit verlassen wir unseren Musentempel und durchdringen die Stadt. Neu ist sicherlich, dass es mehr Kooperationen mit anderen Bühnen gibt. Der Tanzabend „Gesichter der Großstadt“ stammte beispielsweise aus Chemnitz, „Lucia di Lammermoor“ aus Meiningen. Nun folgen der „Holländer“ vom Landestheater Detmold und die wunderbare zeitgenössische Oper „Written on Skin“ von der Königlichen Oper Stockholm. Nicht zu vergessen die ab dieser Spielzeit aufgelegte Theaterzeitung und Studentenflatrate. Da ist schon viel passiert in kürzester Zeit.

FRIZZ: Die Theaterleitung besteht aus dem Direktor des Tanztheaters, der Verwaltungsdirektorin, dem Chefdramaturg, Schauspieldirektor, Generalmusikdirektor und natürlich Ihnen. Haben Sie im Alltag viel miteinander zu tun?
Kay Metzger: Klar. Das geht ja gar nicht anders - und daran ist mir auch sehr gelegen. Wir treffen uns einmal pro Woche zur Leitungsrunde und beraten miteinander alles, was wichtig ist für das Haus, und informieren über aktuelle „Baustellen“. Ungeachtet davon pflegen wir den kurzen und spontanen Dienstweg.


„Ohne Teamgeist geht’s nicht,
und der ist prima.



FRIZZ: Auf welche Vorstellungen dürfen sich die Theaterbesucher im Jahre 2019 besonders freuen?
Kay Metzger: In der ersten Jahreshälfte gibt es noch zwei Tanztheaterabende von Reiner Feistel, „Der kleine Prinz“ im Podium und „Das kalte Herz“ nach Wilhelm Hauff im Großen Haus mit Orchester. Schauspieldirektor Jasper Brandis inszeniert mit „Von morgens bis mitternachts“ von Georg Kaiser ein spannendes Bühnenspektakel. In der kommenden Spielzeit wird der Theaterbau von Fritz Schäfer fünfzig Jahre alt, dieser Geburtstag muss natürlich gebührend gefeiert werden. Darüber hinaus wollen der 250. Geburtstag des ‚Schneiders von Ulm’ und von Ludwig van Beethoven berücksichtigt werden.

FRIZZ: In unserer brisanten Zeit - wie wichtig ist es für ein Theater, auch politische Inhalte zu verarbeiten?
Kay Metzger: Wichtig ist, dass gesellschaftsrelevante Dinge auf der Bühne verhandelt werden. Schwerpunktthema der Intendanz ist die Auseinandersetzung mit dem Bürgertum, mit den Chancen und Gefahren einer sich stark verändernden Gesellschaft. Das betrifft uns direkt. Politische Tagesthemen sofort zu durchdringen, das können Fernsehen und Radio besser, da zögen wir als Theater den Kürzeren. Spielplanangebote aber wie ganz aktuell „Zeit der Kannibalen“, „Terror“ und „Jihad Baby“ stehen in besonderer Weise für diese Gesellschaftsrelevanz.

FRIZZ: Wie muss die neue Spielzeit verlaufen, damit Sie zufrieden sind?
Kay Metzger: Wichtig ist, dass das Publikum zufrieden ist! Darum geht es und daran arbeiten wir alle im Haus. Der Qualitätsanspruch ist hoch und da lassen wir alle nicht locker. Wenn wir Überzeugungstäter sind, dann kommt auch das Publikum. Ich bin zufrieden, wenn es in Stadt und Region heißt: „Da muscht du hin!“

FRIZZ: Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Wirkt sich das auch auf die Theaterarbeit aus?
Kay Metzger: Dieses Thema holt uns mehr und mehr ein. In der kommenden Jubiläumsspielzeit wollen wir da besondere Akzente setzen, denn dass Digitalisierung zu neuen ästhetischen Impulsen führen wird, ist ein sehr aufregender Prozess, den wir offensiv annehmen wollen. Im Theateralltag spielt Digitalisierung für die Öffentlichkeitsabteilung und die Theaterkasse ohnehin schon eine große Rolle. Ich habe den Eindruck, dass wir mit den Sozialen Medien gut vorankommen, besuchen Sie zum Beispiel den Blog auf unserer Homepage. Das Theater Ulm steht sehr weit vorne mit den Livestreams, so dass ich das gerne fortsetze.

FRIZZ: Woher kommt eigentlich Ihre Affinität zur Kunst?
Kay Metzger: Ich komme aus keiner Theaterfamilie, gleichwohl verdanke ich das meinem Elternhaus. Hier wurde ich behutsam und stetig an Kunst, Literatur, Musik und Theater herangeführt. Ich erhielt Klavierunterricht und während meiner Zeit im Internat bei den Kapuzinern in Bensheim an der Bergstraße kam noch die Orgel hinzu. Theaterbesuche haben die Leidenschaft gekitzelt und letztendlich gab ein Besuch der Bayreuther Festspiele die Initialzündung für den Beruf des Regisseurs.

FRIZZ: Was zeichnet einen guten Schauspieler aus?
Kay Metzger: Für Goethe gehört zur Grundausstattung „eine angenehme Gestalt, eine wohlklingende Stimme, ein gefühlvolles Herz“. Unbedingte Voraussetzungen, übrigens in allen Sparten, sind das Bühnenhandwerk, die notwendige Technik und absolute Disziplin. Hinzu kommen Bühnenpräsenz, Fantasie, Originalität und der unbedingte Wille, eine Figur glaubwürdig auf die Bühne zu bringen.

FRIZZ: Könnten Sie ein paar Akteure aus Film und Fernsehen nennen, die Ihnen besonders gefallen?
Kay Metzger: Nicht wirklich, ich bin da nicht so bewandert.


„Wichtig ist, dass das
Publikum 
zufriden ist!“


FRIZZ: Haben sie einen typischen Tagesablauf? Wie sieht der aus?
Kay Metzger: Am Theater gibt es jeden Tag Überraschungen, so dass es keinen typischen Ablauf gibt. Ungeachtet dessen gibt’s morgens meist den Blick in die regionalen und überregionalen Medien, dann werden die Mails durchforstet und die Tagespost erledigt. Wenn ich inszeniere, stehen von 10:00 bis 14:00 und von 18:00 bis 22:00 Uhr die Proben an, und dazwischen gibt es jede Menge Termine und Telefonate.

FRIZZ: Konnten Sie Ulm mittlerweile schon kennenlernen?
Kay Metzger: Das wäre zu viel gesagt, aber das, was ich bis dato kennenlernen durfte, gefällt mit gut. Ganz oben steht das Münster, das wirklich eine Magie hat. Ich mag an der Stadt, dass es neben den großen bekannten Einkaufshäusern sehr viel individuellen, wertigen und liebevoll geführten Einzelhandel gibt. Das findet man nicht überall so.

FRIZZ: Was gefällt Ihnen besonders in unserer Region?
Kay Metzger: Ich freue mich, dass ich nun in einer Stadt arbeiten darf, die an einem Fluss liegt. Ein Fluss gibt immer ein eigenes Flair. In meiner Jugend war es der Rhein, jetzt ist es die Donau. Die Lage zwischen Schwäbischer Alb und Allgäu, das ist Lebensqualität pur.

FRIZZ: Haben Sie auch etwas zu kritisieren? Baustellen? Nebel?
Kay Metzger: Baustellen zeigen doch, dass es voran geht mit einer Stadt, man denke an den Ausbau der Straßenbahn. Zugegeben: Die Baustellen am Theater waren sicher sehr hart in den letzten Jahren. Da wurde den Angestellten und dem Publikum viel abverlangt. Aber inzwischen hat sich das entspannt, und Theater und Theaterplatz kommen prima zur Geltung. Der Nebel ist der Nebel, den muss man akzeptieren. Es gibt Tage, da mag ich ihn richtig gern.

FRIZZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Kay Metzger: Persönlich wünsche ich mir zuallererst Gesundheit und Wohlergehen für meine Tochter. Als Intendant wünsche ich mir, dass wir das Theater Ulm auf gutem Kurs halten und überregional platzieren können, dass das Publikum begeistert bleibt und die finanziellen Rahmenbedingungen modifiziert werden, denn wichtige Bereiche des Hauses sind deutlich unterfinanziert.


www.theater-ulm.de