Logo Frizz Magazin Ulm „Erlebe deine Stadt“ Logo Frizz Magazin Ulm

Schweres Schädelhirntrauma: Na und?




Daniel Wilhelm mit seinem BuchVor über zehn Jahren hatte Daniel Wilhelm einen folgenschweren Unfall. Nun hat er das Buch „Schweres Schädelhirntrauma: Na und?“ geschrieben. Was es damit auf sich hat und wie es dazu kam, hat uns Daniel im Interview erzählt.


FRIZZ: Daniel kannst du unseren Lesern erzählen wann du zur falschen Zeit am falschen Ort warst, und was genau dir passierte?
Daniel: Es war am 20. Juni 2006 - die Weltmeisterschaft war in Deutschland - an jenem Tag, an dem Deutschland gegen Ecuador spielte. Auf dem Weg zum Public Viewing, wollten eine Freundin, ein Kumpel und ich von einem Feldweg auf eine Landstraße abbiegen. Sie übersah dabei ein von links kommendes Auto. Wir überschlugen uns mehrmals, nahmen einen Mast mit und kamen dann auf dem Dach zum Stillstand.

Wie erlebtest du die Zeit nach dem Unfall?
Am Anfang habe ich überhaupt nichts verstanden. Als ich das erste Mal die Augen öffnete, lag ich auf einer lila Matratze und schrie um Hilfe. Es hörte mich jedoch niemand. Als man mir Anfang September sagte, was passiert war, verstand ich es nicht gleich. Meine Freunde besuchten mich regelmäßig in der Klinik und ich kapierte nicht, warum alle, so überfreundlich waren. Nur Julia, die Fahrerin, die ja eine enge Freundin war, besuchte mich nie. Ich malte mir alle möglichen Szenarien aus, warum ausgerechnet Julia nie kam. Ich dachte sehr lange, dass dies alles nur ein schrecklicher Traum sei und wollte endlich aufwachen.

Was machte dir Mut?
Gute Frage, ich denke, dass mir am Anfang meine damalige Partnerin sehr viel Kraft gegeben hat. Auch meine Familie und meine Freunde spielten eine wichtige Rolle. Eigentlich müsste ich jeden einzeln nennen, denn jeder gab mir auf seine Art Mut. Ich wollte einfach nur noch zurück zu allem und wieder Snowboard fahren und Partys feiern. Nachdem mir meine Freunde immer wieder davon erzählten, waren es Augenblicke aus meinem alten Leben, an die ich mich irgendwann auch glaubte wieder selber erinnern zu können. Diese fand ich so klasse, dass ich unbedingt wieder genauso werden wollte, wie ich zuvor war.
Ein weiterer ganz wichtiger Punkt war meine Mutter. Sie erzählte mir, dass ihr die Ärzte sagten, dass nur einer von tausend Patienten wieder normal wird. Auch sagte sie mir immer, dass Sie sich sicher sei, dass ich es schaffen würde. Ich weiß nicht wieso, aber mir gefiel der Gedanke, die Ausnahme zu sein. Die Fortschritte, waren sie auch noch so klein, ließen mich weiterkämpfen. Ich merkte, dass ich in allem immer besser wurde, wenn ich mich nur genug anstrenge.

Hattest du auch „rabenschwarze“ Zeiten, oder war aufgeben nie eine Option für dich?
Ein Kletterfreund, meinte mal, ich könne einen zweiten Teil schreiben mit dem Untertitel: Aufgeben ist für mich keine Alternative! Und genau das beschreibt es eigentlich. Warum aufgeben, wenn ich selber dafür verantwortlich bin, wie fit ich wieder werde? Therapeuten können einem zwar helfen. Den Weg gehen muss man aber selbst. Als ich angefangen habe zu trainieren und schnell die ersten Fortschritte bemerkte, wurde es für mich fast wie eine Sucht. Wenn man etwas erreicht, für das man kämpfen musste, ist das die größte Freude, die man haben kann. Wenn ich so darüber nachdenke, dann gab es in meiner Erinnerung selten Tage, an denen ich unglücklich war. Klar gab es mal Momente, an denen ich kurzzeitig niedergeschlagen war. Ein sehr schwieriger Moment oder besser Abend war, als ich hörte, dass Julia gestorben sei. Ich war eigentlich immer noch davon überzeugt, dass dies ein schlimmer Traum sei. Als ich dann irgendwann verstand, dass das die Realität ist, dachte ich viel an Julia, meine Familie und meine Freunde und mir war klar, dass ich einfach weiterkämpfen muss und auch wollte. Hätte ich aufgegeben, dann hätte ich in meinen Augen alle enttäuscht und mich selber auch.

Jetzt hast du ein Buch geschrieben. Warum war es wichtig für dich deine Geschichte aufzuschreiben?
Die Idee kam von meiner Psychotherapeutin. Mit ihr probierte ich, nach eineinhalb Jahren, in meiner Anschlussreha eine neue Therapieform aus. Sie meinte, ich wäre ein super Beispiel für andere Patienten und solle doch ein Buch schreiben. Zunächst war ich noch sehr mit meiner eigenen Genesung und der Recherche nach Möglichkeiten, diese zu optimieren beschäftigt. Währenddessen stellte ich fest, wie hilflos viele Angehörige am Anfang waren und wollte ihnen und den Patienten helfen. Es war mir wichtig, die Betroffenen dabei zu unterstützen und ihnen aufzuzeigen, dass es möglich ist, nach einem Schädelhirntrauma ein tolles Leben zu führen. Letztendlich habe ich das Buch in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil geht es speziell um meine Genesung, die auch für nicht Betroffene motivierend sein kann und im zweiten Teil habe ich noch einige, in meinen Augen, wichtige und interessante Informationen, sowie entsprechende Quellenangaben aufgeführt.

Wie geht es dir heute?
Ich denke, dass man da mit einer allgemeine Aussage alà: „Mir geht’s gut!“ nicht den Kern trifft. Einerseits fühle ich mich sehr gut. Einfach weil ich weiß, dass ich dank eigenem Einsatz wieder so geworden bin, wie ich bin. Ich nehme auch immer mehr am alltäglichen Leben teil. Doch ich merke natürlich, dass ich in anderen Aspekten noch nicht am Ziel bin. Körperlich und kognitiv bin ich ziemlich fit, auch wenn ich noch einige Defizite habe, wie zum Beispiel das Laufen, das noch nicht alltagstauglich ist. Doch ich übe täglich und habe natürlich das Ziel, es zu verbessern. Auch im sozialen Leben fühle ich mich noch nicht so kompetent, was sich auch hin und wieder zeigt, indem ich mich in Gedanken selber klein mache. Aber auch das bekomme ich sicher hin. Positiv denken hat mir bisher immer geholfen. Also würde ich insgesamt sagen: „Mir geht’s gut.“, wohlwissend, dass ich noch manches lernen muss und auch lernen werde.


Bei Interesse sendet einfach eine E-mail an: sht-kletterwand@gmx.de
oder schaut bei Facebook vorbei: www.facebook.com/schadelhirntraumanaund
Kosten : 20 Euro. Verpackung & Versand 2,50 Euro = 22,50 Euro