Logo Frizz Magazin Ulm „Erlebe deine Stadt“ Logo Frizz Magazin Ulm

Interviews mit Betroffenen: Philipp Klemm (Hirsch Apotheke Ulm)





Philipp Klemm Hirsch Apotheke UlmFRIZZ: Herr Klemm, die Hirsch-Apotheke wird von Ihrem Großvater Apotheker Dr. Dieter Benz und seiner Tochter - Ihrer Mutter - Sabine Benz-Klemm geführt. Über die Jahre hat sich die Branche doch sehr verändert. Wird die Vor-Ort Apotheke vom Versandhandel früher oder später verdrängt?
Philipp Klemm: Artikel 1 des Apothekengesetzes lautet: Den Apotheken obliegt die im öffentlichen Interesse gebotene Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung der Bevölkerung. Dieser Auftrag kann vollumfänglich nur durch die Apotheke „vor Ort“ mit flächendeckender Präsenz, effektiver Logistik im Hintergrund und hochqualifiziertem pharmazeutischen Personal in der Offizin geleistet werden. Sicher nicht durch eine mit Fremdkapital finanzierte ausländische Aktiengesellschaft.
Derzeit bestimmt die Arzneimitteldistribution unseren Tätigkeitsschwerpunkt - gerade in Zeiten weltweiter Lieferengpässen. Der Bedarf an pharmazeutischen Dienstleistungen aber ist da und wächst: die Bevölkerung wird älter und die Therapien komplexer. Wir erhöhen Arzneimitteltherapiesicherheit, z.B. durch konsequente und systematische Medikationsanalysen. Wir entlasten andere Leistungserbringer im Gesundheitsweisen durch Knowhow und Organisation, z.B. bei patientenindividueller Verblisterung von Arzneimitteln für Pflegeheime. Der Wertschöpfungsanteil durch „pharmaceutical care“ wird zunehmen. Mittlerweile ist auch eine Honorierung bis jetzt kostenlos erbrachter Leistungen in Aussicht. Die wirtschaftliche Bedeutung der reinen Allokation von Packungen wird immer wichtig bleiben, aber das Verhältnis zum Dienstleistungsanteil verschiebt sich.

FRIZZ: Seit einiger Zeit wird von Problemen der Arzneimittelbelieferung gesprochen. Welche Arzneimittel haben denn aktuell Lieferschwierigkeiten?
Philipp Klemm: Sowohl Ursachen als auch die betroffenen Wirkstoffe sind vielfältig: Produktions- und Lieferketten sind weniger robust als in Vergangenheit, z.B. bei Antibiotika und Schmerzmittel. Regulatorische Anforderungen treffen einen Wirkstoff herstellerübergreifend: das Beobachten wir derzeit bei einem Antidiabetikum. Aber auch eine unerwartete Nachfragesteigerung führt zu einer eingeschränkten Verfügbarkeit: plötzlich werden in Deutschland die Empfehlungen zur Pneumokokken-Schutzimpfung deutlich konsequenter umgesetzt.

FRIZZ: Wie reagieren Patienten, wenn benötigte Medikamente fehlen?
Philipp Klemm: Einige bleiben cool, viele sind verunsichert. Gerade chronisch kranke Patienten die auf eine verlässliche Dauermedikation angewiesen sind. Trotz der angespannten Situation müssen ambulante Therapien allerdings nur in Ausnahmefällen umgestellt werden. Ohne ein gut funktionierendes lokales Netzwerk aus Praxen und Apotheken finden sie da keine schnellen und pragmatischen Lösungen.

FRIZZ: Ist in nächster Zeit eine Entspannung der Lage zu erwarten?
Philipp Klemm: Nein. Die Ursachen sind komplex und können nur langfristig und auf europäischer Ebene angegangenen werden.

FRIZZ: Wie kann sich der „Normalbürger“ derzeit am besten vor einer Corona-Ansteckung schützen?
Phillipp Klemm: Das A und O ist die Einhaltung der behördlichen Anordnungen und die konsequente Umsetzung der Hygiene- und Verhaltensregeln der BZgA. D.h. Abstand halten, richtig Hände waschen und Hust- und Niesetikette einhalten.

FRIZZ: Welche Schutzmaßnahmen haben Sie in Ihren Apotheken getroffen?
Philipp Klemm: Wir haben frühzeitig an allen Standorten Acrylglas-Schutz umgesetzt. Bestimmte Dienstleistungen wie Blutuntersuchungen oder Kompressionsstrumpfmessungen bieten wir derzeit grundsätzlich nicht an. Hygiene- und Reinigungsroutinen wurden verschärft. Wir stellen Schutzausrüstung zu Verfügung und haben eine neue Mitarbeitereinsatz-Rollierung eingeführt, damit wir in zwei vollständig getrennten Teams arbeiten. Mitarbeitende die einer Risikogruppe zuzuordnen sind, werden von Patientenkontakt freigestellt und/oder übernehmen organisatorische Tätigkeiten, ggf. von daheim aus.

FRIZZ: Gibt es noch Desinfektionsmittel bei Ihnen?
Philipp Klemm: Ja! Dadurch, dass wir eine eigene Kosmetiklinie produzieren, konnten wir schnell eine eigene Herstellung nach der WHO-Empfehlung starten und sind unabhängig von Industrieware. Die Beschaffung von Rohstoffen und Packmittel ist allerdings aufwendiger geworden.

FRIZZ: Macht es Sinn für uns Verbraucher, Medikamente daheim zu horten?
Philipp Klemm: Nein, die Vorratshaltung ist Aufgabe der öffentlichen Apotheke und in der Apothekenbetriebsordnung geregelt. Der Gedanke mag in Zeiten von Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen zwar nahe liegen und kann im Einzelfall richtig sein. Grundsätzlich aber belastet ein flächendeckendes Hamstern (also eine nicht am persönlichen Bedarf orientierte Vorratshaltung), das System unnötig und gefährdet die Regelversorgung.

FRIZZ: Wie schützen Sie sich persönlich in diesen Zeiten?
Philipp Klemm: Unser Beruf bedingt den Kontakt mit Menschen, dafür haben wir entsprechende Maßnahmen getroffen. Ich wahre höfliche Distanz und habe daheim eine große Flasche Flüssigseife.