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Im Gespräch mit Ernährungsberaterin Tanja Ruschitzka



Ernährungsberaterin Tanja Ruschitzka


Tanja Ruschitzka ist examinierte Diätassistentin, Fachberaterin für Essstörungen und Dozentin für Diätetik an der Diätassistenten-Schule in Wiblingen. In ihrer Ulmer Praxisgemeinschaft bietet sie seit 2016 individuelle Ernährungsberatung an. Wir haben uns mit ihr über ihren Beruf, Esstörungen und das Thema Ernährung unterhalten.


FRIZZ: Unsere Ernährung wird immer häufiger mit unserem seelischen Wohl in Verbindung gebracht. Das heißt, bei Ernährungsberatung sollte man über den Tellerrand blicken. Ist das so? Wie gehen Sie vor?
Tanja Ruschitzka: Ja, das stimmt. Essen wird häufig mit Emotionen verknüpft und oftmals fällt uns das nicht wirklich auf. Ich betrachte nicht nur das Essverhalten meiner Klienten, sondern schaue, was sonst noch so im Leben passiert. Ich betrachte den Menschen ganzheitlich und nehme mir dabei viel Zeit. Wie geht es dieser Person. Hat sie viel Stress, Frust, Problem mit Familie oder auf der Arbeit. Ist sie sehr leistungsorientiert oder macht sich zu viel Druck und so weiter. Dies kann sich alles auf das Essverhalten übertragen. Jeder kennt es – die einen essen zu viel, wenn sie traurig sind, die anderen bekommen keinen Bissen herunter. An diesem kleinen Beispiel sehen wir sehr genau, dass unser Essen mit Emotionen fein verwoben ist. Hier wird zwischen Körperhunger und emotionalem Hunger unterschieden. Dabei verteile ich keine Essenspläne, denn es gibt kein Geheimrezept für ein richtiges oder gesundes Essverhalten. Zusammen mit dem Klienten versuche ich zu reflektieren, wo die Probleme in der Ernährung liegen und welche Situationen eventuell davor aufgetreten sind. Hilfe zur Selbsthilfe und die Motivation, dass man jeder Zeit aus einem Teufelskreis entweichen kann, ist mir dabei sehr wichtig.

FRIZZ: Sie bieten in Ihrer Gemeinschaftspraxis Beratungen für verschiedene Essstörungen an. Mit welchen sind Sie am häufigsten konfrontiert?
Tanja Ruschitzka: Das ist nicht eindeutig, da es die „eine“ klassische Essstörung meistens nicht gibt. Oft treten Mischformen auf, oder es findet ein fließender Übergang von der einen Essstörung zur anderen statt. Häufig sehe ich jedoch magersüchtige Menschen oder Menschen mit starkem emotionalen Essverhalten - Frustessen mit schlechtem Gewissen, das dadurch entstehen kann.

FRIZZ: Warum sind Essstörungen überhaupt ein großes Thema in der heutigen Gesellschaft?
Tanja Ruschitzka: Ich denke, Essstörungen waren schon immer ein großes Thema. Es ist eine ernstzunehmende psychosomatische Erkrankung. Das veränderte Essverhalten ist dabei oft nur ein Symptom, welches nach außen getragen wird. Manchmal heimlich, manchmal auch bewusst als stiller Hilfeschrei.
Unsere Gesellschaft muss oft einen enormen Leistungsdruck aushalten. Nicht jeder ist diesem gewachsen. Es gibt Menschen, die Ihren Leistungsdruck ebenfalls auf ihr Essverhalten projizieren. Das bedeutet, für manche Personen: „Ich muss noch gesünder essen, ich muss noch weniger essen, um schlank und schön zu sein. Mit meiner schlanken Figur zeige ich meine Willensstärke und wie kontrolliert ich bin. Mit meinem Gewicht kann ich mich von anderen Abgrenzen und der gleichen.“ Aber auch das Gegenteil tritt oft auf. Menschen, die über die Zeit die Kontrolle über ihr eigenes Essverhalten verloren haben, da sie dazu neigen, zu viel zu essen. Essen wird im Normalfall immer mit etwas Positivem verknüpft. Wenn wir traurig, unzufrieden oder verletzt sind, greifen wir gerne einmal zu sogenanntem „Soulfood“. Meist sehr süß und fettig. Wer das macht, leidet allerdings noch lange nicht unter einer Essstörung. Doch es kann sich daraus auch ein krankhaftes Essverhalten entwickeln, bei dem ich meine Gefühle gar nicht mehr benennen oder spüren kann und man verschiedene – meist schlechte – Emotionen mit Essen betäubt.
Essstörungen sind sehr komplex und haben verschiedenste Auslöser. Dies sind nur ein paar wenige davon. Es gibt allerdings auch unter jungen Menschen einen großen Druck, der oftmals durch soziale Medien unterstützt wird. Man sieht tolle Bilder von schlanken Frauen oder trainierten Männern. Häufig wird dazu noch die passende Mahlzeit gezeigt. Schnell entwickelt sich dadurch ein Druck. Man möchte mithalten können – auch so aussehen. Gedanken entstehen wie „Diese Person ist so diszipliniert, schau doch mal, was sie immer isst oder wie viel Sport sie treibt.“ Gleichzeitig kann dieses Gefühl des Bewunderns dieses Menschen ein schlechtes Gefühl der eigenen Person gegenüber hervorrufen. „Ich schaffe das nicht so, ich esse viel mehr Fastfood und so weiter.“ Viele sehen solche Posts als die Realität an. Die Wenigsten zeigen sich öffentlich im Netz, wie sie selbst in Jogginghose auf dem Sofa eine Tafel Schokolade essen, was allerdings – wie ich finde – etwas ganz Normales ist und ab und zu passieren darf. So wird die Realität für viele junge Menschen sehr verzerrt. Ich beginne aus reiner Neugier mit weniger Essen, bekomme dafür Komplimente, das Verhalten wird bestärkt, ich mache weiter – und schon kann man in eine falsche Richtung abrutschen.

FRIZZ: Sind in Sachen „Gesunde Ernährung“ allgemeingültige Aussagen bzw. Empfehlungen überhaupt möglich?
Tanja Ruschitzka: Viele Menschen leiden unter diversen Erkrankungen wie Diabetes, erhöhten Blutfetten, Gicht oder Übergewicht. Als hiervon Betroffener sollte man eine Ernährungsberatung bei einem anerkannten und zertifizierten Diätassistenten oder Ökotrophologen in Anspruch nehmen. Diese Therapie wird zum Teil von den Krankenkassen übernommen. Ist man allerdings stoffwechselgesund, dann gibt es sicherlich ein paar Empfehlungen, mit denen man nichts falsch macht. Dazu gehören zum Beispiel:
- abwechslungsreich Essen, schön bunt mit Gemüse und Obst.
- in regelmäßigen Abständen Essen – lieber mehrere kleine Mahlzeiten als zwei Große.
- auf keine Nährstoffe verzichten – ein ausgewogenes Verhältnis zwi- schen Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß schaffen.

Aber was mir oft am wichtigsten ist:
- auf den Bauch hören! Habe ich wirklich Hunger, nur Appetit oder gar schlechte Laune? Oftmals haben wir den Bezug für unseren Körper ein bisschen aus den Augen verloren.
- mit Genuss essen und sich auch mal etwas gönnen. Nicht jeden Tag, aber ab und zu! Und dann bitte kein schlechtes Gewissen haben. Denn das endet oft mit schlechten Gefühlen und weiterem Essen.
- nicht jeden Lebensmitteltrend mitmachen

Kaminwerk Memmingen CoronaFRIZZ: Gefühlt hat heute jeder Zweite eine Gluten-Unverträglichkeit oder Laktose-Intoleranz. Wie sind solche Unverträglichkeiten aus ernährungswissenschaftlicher Sicht einzuordnen?
Tanja Ruschitzka: Lebensmittelunverträglichkeiten treten immer häufiger auf. Da sind sich viele Experten einig. Eine Erklärung könnten diverse Umwelteinflüsse auf unser Mikrobiom im Darm sein. Hier sind unzählige wichtige Bakterien, welche leicht aus dem Gleichgewicht geraten können.
Allerdings hat sich in den letzten Jahren eine Art Trend entwickelt. Für den ein oder anderen ist es Schick, etwas nicht zu vertragen. Es stellt auch eine gewisse Art der „Abgrenzung“ dar. Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Es ist in manchen Fällen eine enorme Einschränkung im Alltag. Jedoch werden immer mehr Lebensmittel für gewisse Unverträglichkeiten produziert. Fast jeder Supermarkt hat hier das Sortiment erhöht. Für alle, die eine Unverträglichkeit haben, ist das gut. Man muss bestimmte Lebensmittel nicht mehr im Reformhaus oder über das Internet kaufen. Allerdings werden Menschen mit diagnostizierten Unverträglichkeiten oft nicht mehr ernst genommen. Das finde ich sehr schade.

FRIZZ: Sehr viele Frauen sind unzufrieden mit Ihrem Gewicht. Haben Sie ein paar ultimative Tipps zum Abnehmen parat?
Tanja Ruschitzka: Am wichtigsten bei einer Diät ist, dass es keine Diät sein soll. Eine Diät ist meistens zeitlich begrenzt. Man darf über einen gewissen Zeitraum bestimmte Lebensmittel nicht mehr essen. Je nach Strenge der Diät geht das Gewicht schnell oder langsam nach unten. Wenn das Zielgewicht erreicht wird und das normale Essverhalten wieder einsetzt, geht das Gewicht oft rasant in die Höhe. Oftmals noch über das eigentliche Ausgangsgewicht.
Hier ist eine Ernährungsumstellung mit Sport viel sinnvoller. Diese dauert zwar etwas länger und man muss sich mit seinem eigenen Ernährungsverhalten auseinandersetzen, aber sie ist zielgerichteter. Man nimmt über einen längeren Zeitraum stetig an Gewicht ab und muss – im besten Falle – auf nichts verzichten. Diese Umstellung sollte irgendwann zur Gewohnheit werden. Diese Umstellung erfordert allerdings etwas an Geduld. Jedoch ist es eine Umstellung ohne Jojo-Effekt, welche lange Zeit gehalten werden kann.

FRIZZ: Mal ganz ehrlich: Muss man sich als Ernährungsberaterin selbst konsequent gesund ernähren? Oder darf’s auch mal ein Burger mit Pommes sein?
Tanja Ruschitzka: (lacht) Das ist eine schöne Frage. Oft haben wir dieses Image, dass wir abends mit Gemüsesticks, Kräuterquark und Knäckebrot auf dem Sofa sitzen. Das trifft jedoch nicht zu.
Allerdings kann ich hier nur für mich sprechen. Ich liebe Essen. Mit 17 Jahren habe ich meine erste Ausbildung zur Konditorin begonnen – somit habe ich schnell gelernt, was richtig lecker ist. Und auch heute esse ich noch sehr gerne Kuchen und Schokolade. Aber auch Burger und Pommes finde ich zuweilen lecker. Ein mancher würde sich wohl wundern, was ich alles esse. Aber ich denke genau hier liegt der Schlüssel. Es ist alles erlaubt – jedoch mit Maß und Verstand. Essen kann nur wirkliche Freude bringen, wenn man es danach nicht bereut oder ein schlechtes Gewissen hat. Und wenn ich an meine Kolleginnen denke, isst jede von ihnen wirklich gerne mit Genuss.


Weitere Infos erhaltet ihr auf Tanja Ruschitzkas Webiste.