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Dirk Maassen im Stadtgespräch



Dirk Maassen

Dirk Maassen zählt zu den erfolgreichsten deutschen Komponisten der Neoklassik. Für seine bewegenden, sanften und stileigenen Klangwelten wird er international gefeiert. Zudem ist er auch viral einer der weltweit meist gestreamten deutschen Pianisten - über eine Millionen Menschen streamen seine Musik monatlich auf den gängigen Plattformen. Dirk Maassen begeistert aber auch live sein Publikum jedes Mal aufs Neue.


FRIZZ: Letztes Jahr spieltest Du im Stadthaus, dieses Jahr war die Pauluskirche „rappelvoll“, buchst du nächstes Jahr das Congress Centrum?
Dirk Maassen: (lacht) Ganz so schnell wird es vermutlich nicht gehen. In der Pauluskirche konnte das Klavier den nötigen Raum findet und atmen, zudem ist es ein sehr schöner Ort, um zur inneren Einkehr zu finden. Insofern war die Pauluskirche bereits eine sehr gute Wahl, wobei ich natürlich auch einen Konzertsaal zu schätzen weiß.

FRIZZ: Die Südwestpresse schrieb „es war ein stimmungsvoll illuminiertes Wellness-Konzert erster Güte“. Am Schluss gab es Begeisterungspfiffe, Tränen in den Augen und Standing Ovations. Wie fühlte sich der Abend für Dich an?
Dirk Maassen: In meine Wahlheimat Ulm so viel Zuspruch zu bekommen ist natürlich ein sehr gutes und besonderes Gefühl. Ich möchte mit meiner Musik den Menschen einen Moment der Ruhe bringen, in dem sie zu sich finden können. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung, in der wir es mit immer schnelleren und kurzlebigeren externen Reizen zu tun haben, ist es wichtig, dass wir uns solche Momente erhalten.

FRIZZ: Du stellst ein paar Stücke von Dir ins Netz und schaust was passiert. Die Zahl der Follower steigt stetig und plötzlich erreicht Deine Musik viral mehr als eine Million Menschen. Lief es genauso?
Dirk Maassen: Ja, so lief es in der Tat und anfangs habe ich die Dimensionen noch nicht richtig fassen können. Das ist auch der Grund, dass ich mich nach einiger Überlegung entschieden habe, meine Komfortzone und mein Klavierzimmer zu verlassen, rauszugehen und den Menschen zu begegnen, die meine Musik hören. Ich möchte der Sache nachgehen und es für mich begreifbar machen und dazu ist es mir wichtig, dass ich die virtuelle Zahl „eine Million“ auch in der realen Welt erleben kann.

FRIZZ: Warum gerade Klavier? Was fasziniert Dich an diesem Instrument?
Dirk Maassen: Das Klavier dient mir als Tagebuch. Alles was mich beschäftigt und bewegt, kann ich damit in Musik gießen - spontan, unmittelbar und jederzeit ohne große Vorbereitungen oder Ablenkungen. Das Instrument bietet darüber hinaus einen enormen Tonumfang und vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten.

FRIZZ: Kannst du dich noch an Deinen ersten Auftritt erinnern?
Dirk Maassen: Wenn ich meine frühe Zeit als Bandmitglied einer Pop Band in den 1990-ern mal auslasse fanden meine ersten Solo-Auftritte in einem sehr kleinen Rahmen in meinem Proberaum und Studio statt. Ich habe zu diesen Klavierabenden über soziale Medien bewusst immer nur bis maximal 30, meist fremde, Menschen eingeladen. Zum einen, weil mein Proberaum nicht mehr Besucher zulässt, zum anderen weil ich mit den Leuten in einen Dialog treten wollte, um mehr darüber zu erfahren, welche Menschen meine Musik hören und aus welchen Beweggründen. Diese Abende waren für beide Seiten eine sehr wertvolle und einzigartige Erfahrung und haben mich schließlich darin bestärkt in eine größere Öffentlichkeit zu gehen.

FRIZZ: Dein Genre nennt sich Neoklassik, wie würdest du diese Musikrichtung erklären?
Dirk Maassen: Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, in welche Schublade meine Musik passen kann. Ich möchte mich auch generell nicht durch ein Genre einschränken lassen. In jüngerer Zeit hat sich der Begriff Neoklassik etabliert. Die Stilrichtung bedient sich aus Elementen verschiedener Genres, etwa der Pop- und Jazzmusik, oder eben auch aus Variationen oder Auszügen aus der klassischen Musik. Ich finde den Begriff Neoklassik nicht ideal kann aber mit der Bezeichnung leben.

FRIZZ: Lässt sich Deiner Meinung nach auch neues Publikum für die Klassik durch die Neoklassik generieren?
Dirk Maassen: Ich denke gerade junge Menschen können über den etwas ungezwungeneren Zugang zur Neoklassik sicher auch neugierig auf klassische Musik werden. Ich selber besuche gerne und regelmäßig klassische Konzerte und habe in meiner Ausbildung viel Klassik gespielt.

FRIZZ: Cross-over Projekte sind inzwischen in vielen Kunstrichtungen etabliert.  Findest du das gut?
Dirk Maassen: Viele klassische Musiker öffnen sich zunehmend der Neoklassik und finden die Entwicklung spannend. Vertreter der Neoklassik kombinieren nicht nur die spezifische Harmonik verschiedener Genres, sondern auch klassische Instrumente mit synthetischen und elektronischen Instrumenten. Die Kombination verschiedener Genres lässt Neues, unerwartetes entstehen. Ich finde das sehr belebend und gut, denn unsere Welt lebt ja von der Vielfalt und der Erneuerung.

FRIZZ: Hast Du überhaupt eine musikalische Ausbildung genossen?
Dirk Maassen: Mit zehn Jahren bekam ich Klavierunterricht und habe zusätzlich eine Ausbildung an der Kirchenorgel genossen. Nach zehn Jahren Unterricht habe ich mich ständig autodidaktisch weitergebildet und tue das auch heute natürlich noch täglich mehrere Stunden. Das Spielen eines Instruments und die Komposition von Musik umfasst lebenslange und sehr befriedigende Lernprozesse bei denen man auch viel über sich selber erfährt.

FRIZZ: Braucht man als Pianist heutzutage ein Markenzeichen, um überhaupt wahrgenommen zu werden?
Dirk Maassen: Ich denke, es kommt vor allem darauf an, authentisch und glaubwürdig zu sein in dem was man tut. Die Leute haben dafür ein gutes Gespür.

FRIZZ: Du begrüßt jeden Deiner Konzertbesucher mit Handschlag.  Ist es wichtig für dich zu wissen, wer da vor Dir sitzt, oder warum machst du das?
Dirk Maassen: Die persönliche Begrüßung der Menschen, die zu meinen Konzerten kommen, hat schon Tradition und geht auf meinen Wunsch zurück, die virtuelle Zahl „eine Million“ im realen Leben im wahrsten Sinne begreifbar und erlebbar zu machen. Ich möchte wissen, wer die Menschen sind, die auf meine Konzerte kommen.

FRIZZ: Zu Deinen Stücken erzählst du kleine, kurzweilige, berührende Geschichten? Wie entsteht so eine Komposition?

Dirk Maassen: Eine Komposition entspringt meistens aus dem Alltag heraus. Ausgangspunkt und Inspiration kann ein zwischenmenschliches Erlebnis, ein starkes Gefühl oder eine Beobachtung der Natur oder der Gesellschaft sein.  Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, gibt es zahlreiche Dinge, bei denen es sich lohnt, sich näher damit zu beschäftigen. Meine Art der Verarbeitung ist die Musik. Ich versuche mit meiner Musik die Welt von innen heraus zu beschreiben und gleichzeitig auf einer höheren abstrakten Ebene zu verstehen. Dabei bleiben meine Kompositionen offen und bieten Raum für eigene Interpretationen. Das was ich denke und fühle fließt unmittelbar und ungefiltert in die Musik und ich achte dabei darauf, diese Authentizität und Unmittelbarkeit nicht mit allzu viel Theorie und Konstruktionen zu verfälschen. Natürlich gehört zur Komposition auch ein Rahmen- und Regelwerk, ein musikalischer Wortschatz und die Kenntnis von musikalischen Zusammenhängen, also die Grammatik. Aber die Kunst liegt wohl darin, diese so zu nutzen, dass dabei die Essenz nicht verloren geht sondern erhalten bleibt und idealerweise verstärkt wird.

FRIZZ: Kannst Du das Konzept des Albums, „Ocean“ erklären? Welche Idee und Herangehensweise steckt dahinter, wie viel Arbeitszeit investierst Du in die Produktion?
Dirk Maassen: Das Meer ist für mich eine starke Inspirationsquelle. Am Meer kann ich zu mir selber kommen, spüren, dass ich als Mensch ein Teil der Natur und der Schöpfung bin und fühle mich eins mit der Welt. Das Wissen, dass das Leben auf der Erde aus dem Ozean entspringt tut da sein Übriges. Aus diesem Gefühl heraus habe ich während meiner letzten Aufenthalte am Meer immer wieder Musik geschrieben und so für mich dieses Gefühl festgehalten. Während die Kompositionen kontinuierlich entstehen und sich über die Zeit entwickeln ist der Produktionsprozess einer CD dann das Manifestieren und Konservieren der Musik. Auch hier ist es wichtig, dies mit der nötigen Ruhe und in der richtigen Stimmung zu tun, denn die Interpretation leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, dass die Musik auch das transportiert was der ursprüngliche Gedanke der Komposition war. Im Falle Ocean hat die gesamte Produktion, also die Aufnahme der Solo und Orchesterwerke und das Mixing, Mastering einen Zeitraum von etwa acht Wochen umfasst.

FRIZZ: Den Klang des Pianos in der Aufnahme gestaltet Produzent Francesco Donadello, der auch schon Ludovico Einaudi, Hauschka oder Dustin O’Halloran zu ihrem einmaligen Sound verholfen hat. Wie aufgeregt warst du, in dieses Studio zu gehen und wie war die Zusammenarbeit?
Dirk Maassen: Ja, da war ich, angesichts dieser großen Namen, schon ein wenig aufgeregt. Aber ich finde es auch spannend, dass es auf meinem Weg immer wieder etwas gibt, dass ich zum ersten Mal tue. Nur so kann man sich letztlich weiterentwickeln. Die Aufregung ist übrigens sehr schnell verflogen und wir hatten eine gute, intensive Zeit, was sich meiner Meinung nach auch in den Aufnahmen wiederspiegelt.

FRIZZ: Was macht für Dich persönlich ein gutes Album aus?
Dirk Maassen: Dass es eine Geschichte erzählt!

FRIZZ: Im Juli dieses Jahres hast du ein Exklusivvertrag bei Sony-Classical unterschrieben. Ist Dir dieser Schritt leicht gefallen?
Dirk Maassen: Wir hatten viele Gespräche und ich hatte genügend Zeit mich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen. Ausschlaggebend war für mich, dass ich dabei ich selber bleiben kann und künstlerisch alle Entscheidungen selbständig treffen kann. Das Vertrauen, dass man mir seitens Sony entgegenbringt ist sehr groß und ich freue mich, nun einen Partner an der Seite zu haben, der meinen Traum mit mir teilt, meine Musik irgendwann auf der ganzen Welt live aufführen zu wollen.

FRIZZ: Welche Träume bezüglich Deiner Musik würdest Du Dir gerne noch erfüllen?
Dirk Maassen: Für einen wirklich guten Kinofilm den Soundtrack zu schreiben, das wäre für mich eine lohnende und schöne Aufgabe. Es muss aber von der Story und vor allem zu mir und meiner Art Musik zu schreiben passen. Ich habe es damit nicht eilig und bin guter Dinge, dass es dazu noch Gelegenheit geben wird, sobald die Zeit dafür reif ist.

FRIZZ: Im Moment arbeitest Du als Leiter einer Abteilung für Software-Entwicklung. Könntest du dir vorstellen, die Kunst irgendwann ganz zu Deinem Beruf zu machen?
Dirk Maassen: Mich künstlerisch ausdrücken zu können, ohne dabei auf finanziellen Erfolg schielen zu müssen, das ist für mich Freiheit. Außerdem macht mir meine Arbeit wirklich Spaß. Insofern habe ich damit keine Eile und warte in Ruhe ab, wie sich die Dinge entwickeln.

FRIZZ: Was hörst Du für Musik?
Dirk Maassen: Ich höre einen sehr breite Spanne an Musik und kann nahezu jeder Musikrichtung etwas abgewinnen. Diesen Sommer war ich übrigens in München bei „KISS“. Das liegt aber weniger an meinem aktuellen Musikgeschmack, sondern ist wohl eher der Reminiszenz an meine Kindheit geschuldet (lacht).

FRIZZ: Dein letztes Konzert als Besucher?
Dirk Maassen: Das war Nils Frahm in der Philharmonie Gasteig in München. Ein sehr interessanter Musiker und sympathischer Typ.

FRIZZ: Gibt es neben dem Piano sonst noch Hobbies?
Dirk Maassen: Ich bin gerne in den Bergen und könnte dort tagelang wandern und abends in der Sauna die müden Muskeln regenerieren. Immer wenn die Zeit es erlaubt zieht es mich dorthin. Ansonsten interessiere ich mich sehr für die Biografien von bekannten und weniger bekannten Komponisten, weil ich einige Eigenschaften von mir darin teilweise selber entdecke.

FRIZZ: Was gefällt dir an Ulm?
Dirk Maassen: Ich bin gebürtiger Rheinländer und stamme aus Würselen bei Aachen. Seit 1998 lebe und arbeite ich in Ulm und habe längst die Sprachbarriere überwunden (lacht). Ulm ist eine sehr vielfältige Stadt, die kulturell und freizeittechnisch vieles zu bieten hat. Gerade diesen Sommer konnte man - mit dem Ulmer Zelt, dem Schwörwochenende und den nicht enden wollenden Festen und Feierlichkeiten - das Leben hier in Ulm in vollen Zügen genießen. Die Nähe zu den Bergen und dem Bodensee tut ihr Übriges. Auch kulturell gibt es viele spannende Veranstaltungen und Initiativen, so dass man immer wieder auch neue Impulse bekommt und nicht stehen bleibt. Ich könnte mir keine bessere Stadt zum Leben vorstellen. Wenn mich doch mal das Großstadtfieber packt, bin ich gerne in Berlin wo ich auch musikalisch einige Kontakte und Freunde habe. Immer wieder gerne kehre ich aber danach in meine Wahlheimat Ulm zurück.

FRIZZ: „Musik soll nicht schmücken, sie soll wahr sein“. Siehst du das auch so?
Dirk Maassen: Ich sehe immer meine Musik im Vordergrund und niemals mich als Künstler. Die Musik ist immer größer als der Künstler. Wenn sie wahr ist und nur dann, ... dann kann sie auch die Menschen erreichen.


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